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WUNDERWERK BAUM

Bäume in Mythologie und Kulturgeschichte – Teil 4: Mandel und Kirsche

TEXT: DR. SUSANNE NIEMUTH-ENGELMANN | FOTO (Header): ©Coward_Lion – stock.adobe.com

Auszug aus:

GARTENDESIGN INSPIRATION
Das Magazin für Gartengestaltung und Gartengenuss
Ausgabe 2|2020
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Kaum etwas versetzt uns so sehr in Frühlingslaune wie der Anblick blühender Kirsch- und Mandelbäume. Wenn sich die weißen und rosafarbenen Blüten in ihrer ganzen Fülle zeigen, machen Duft und Farbenpracht unmissverständlich klar, dass der Winter vorüber ist. In Spanien und Nordafrika beginnt das grandiose Schauspiel bereits im Februar, weiter nördlich muss man sich bis März, April oder sogar Mai gedulden. Vielerorts werden dann fröhliche Blütenfeste veranstaltet, mit denen der Auftakt der warmen Jahreszeit gefeiert wird.

Das traditionelle Baumblütenfest gehört für Werder an der Havel zu den Höhepunkten im Jahreslauf. In dem kleinen brandenburgischen Städtchen unweit von Potsdam wird es schon seit 1879 zwischen Ende April und Anfang Mai gefeiert. Dann stehen die Obstbäume in voller Blüte, und die Werderaner Obstbauern öffnen ihre Gärten für Besucher. Unter Apfel-, Birnen- und Kirschbaumkronen kann man bei Kaffee und Kuchen den Blick über die Obstplantagen bis hinunter zur Havel genießen. Oder auch bei süffigen Obstweinen, deren Wirkung man allerdings nicht unterschätzen sollte. „Der Johannisbeerwein hat’s in sich. Alles jubelt und juchzt / Und schwankt wie auf der Havel die weißen Dschunken“, schrieb der Schriftsteller Klabund 1927 in seinem Gedicht „Baumblüte in Werder“. Doch schon der Anblick des weißen, hell- und dunkelrosa leuchtenden Farbenmeeres kann berauschende Wirkung entfalten – auch für Abstinenzler.

FEST DER MANDELBLÜTE

Werder ist nicht der einzige Ort in Deutschland, an dem mit einem Blütenfest das Frühjahr eingeläutet wird. So begeht man zum Beispiel die Mandelblüte an der Pfälzer Weinstraße nicht nur mit einem einzelnen Fest, sondern gleich mit mehreren „Mandelwochen“, in diesem Jahr vom 1. März bis zum 26. April. Zum Programm gehören Exkursionen mit Wanderungen, Besichtigungen und Ausstellungsbesuchen, abendlichen Festen und Weinverkostungen. In vielen Weinbaugebieten ist der Mandelbaum (Prunus dulcis) in Gärten und als Straßenbegrünung anzutreffen. Er gehört zu den am frühesten blühenden Obstgehölzen, wobei die Süßmandel weiß, die Bittermandel rosafarben blüht.
Hierzulande zeigen sich die Blüten des Mandelbaums von März bis April. In Nordafrika, etwa in Marokko, blüht er bereits im Februar, und in Israel, wo er ebenfalls sehr verbreitet ist, sogar schon im Januar.

SYMBOL DER HOFFNUNG UND ERNEUERUNG

Beim jüdischen Neujahrsfest der Bäume („Tu biSchevat“), das Anfang Februar gefeiert wird, würdigt man stets auch den Mandelbaum in besonderer Weise. Er blüht als erster Baum im Jahreslauf, wenn auf den Höhen rund um Jerusalem noch Schnee liegt, und verwandelt kahle Landschaften quasi über Nacht in ein Blütenmeer. Darum ist er ein Symbol der Zuversicht und des neuen Lebens nach dem Winter. Eine Stelle aus dem Buch des Propheten Jeremia im Alten Testament verweist ebenfalls auf diese Symbolik der Hoffnung. Sie erschließt zugleich, warum das hebräische Wort für Mandelbaum in wörtlicher Übersetzung so viel wie „der Wachsame“ bedeutet: „Das Wort des Herrn erging an mich: Was siehst du, Jeremia? Ich antwortete: Einen Mandelzweig. Da sprach der Herr zu mir: Du hast richtig gesehen; denn ich wache über mein Wort und führe es aus.“ (Jeremia 1,11–15).

Schalom Ben-Chorin schrieb 1942 in einer Zeit der Verzweiflung angesichts der Ermordung seines Volkes das berühmte Gedicht „Das Zeichen“. Der aus München stammende Journalist und Religionswissenschaftler war 1935 aus Nazi-Deutschland nach Palästina emigriert, wo vor seinem Haus ein Mandelbaum stand. Die Botschaft dieses Baumes, der blüht, wenn die übrige Natur noch kahl ist, bedeutete ihm Hoffnung in finstersten Zeiten:

Freunde, dass der Mandelzweig wieder blüht und treibt,
ist das nicht ein Fingerzeig, dass die Liebe bleibt?
Dass das Leben nicht verging, so viel Blut auch schreit,
achtet dieses nicht gering in der trübsten Zeit.
Tausende zerstampft der Krieg, eine Welt vergeht.
Doch des Lebens Blütensieg leicht im Winde weht.
Freunde, dass der Mandelzweig sich in Blüten wiegt,
das bleibt mir ein Fingerzeig für des Lebens Sieg.

DEMOPHRON UND PHYLLIS

Der anrührende griechische Mythos um Demophron und Phyllis schildert die Entstehung des Mandelbaumes und zeigt diesen ebenfalls als Symbol für unverbrüchliche Liebe und Zuversicht: Als es Demophron nach dem Kampf um Troja an die Küste Thrakiens verschlägt, verliebt er sich in die junge Königin Phyllis und wird ihr Gemahl. Der Tod seines Vaters zwingt ihn wenig später zurück nach Athen. Er verspricht Phyllis, nach Ablauf eines Monats zurückzukehren. Doch als der ersehnte Tag endlich da ist, bleiben die Schiffe aus. Phyllis geht neunmal ans Ufer und verliert schließlich alle Hoffnung. Sie sinkt vor Schmerz tot zur Erde und wird in einen Mandelbaum verwandelt. Erst drei Monate später kehrt Demophron zurück. Voller Reue veranstaltet er am Strand ein großes Opfer für Phyllis, und der Mandelbaum steht auf einmal in voller Blüte.

PREISGEKRÖNTE MANDEL VON PÉCS

2019 wurde ein 135 Jahre alter ungarischer Mandelbaum im gleichnamigen Wettbewerb zum „European Tree of the Year“ gekürt. Er steht im Süden von Ungarn in Pécs, unweit der kroatischen Grenze, an der Havi hegy-Kapelle aus dem 17. Jahrhundert. Einmal mehr verbindet sich auch hier in Ungarn die Mandelblüte mit dem Thema der ewigen Erneuerung. Man beruft sich auf ein Gedicht des Bischofs Janus Pannonius aus dem Jahr 1466, in dem dieser den „pannonischen Mandelbaum“ mit den Worten preist: „Was bei milderem Klima absonderlich wäre, die rauhe / Erde Pannoniens bringt dennoch das Wunder hervor: / Waghalsig steht da im Winter ein Mandelbäumchen in Blüte.“ Zum Schluss greift Pannonius auf die Antike zurück und fragt die thrakische Königin: „Glaubtest du, Phyllis, die Schwalbe des Frühlings so nah, oder war dir, / weil Demophon so lang zaudert, das Leben verhasst?“ Der Mandelbaum als echter Europäer also, in vielfacher Hinsicht eines Preises würdig, der sich zum Ziel gesetzt hat, die Bedeutung von Bäumen für das natürliche wie das kulturelle Erbe Europas hervorzuheben. Es geht bei diesem Wettbewerb nicht in erster Linie um die Schönheit der Bäume, sondern vor allem um deren Charakter und Geschichte. Auch auf ihre ökologische Bedeutung soll dabei hingewiesen werden.

JAPANISCHE KIRSCHBLÜTE

Wie die europäischen Blütenfeste ist auch das japanische Kirschblütenfest ein Ereignis, mit dem der Beginn des Frühlings gefeiert und der Winter ausgetrieben wird. Die japanische Kirschblüte ist weltberühmt, und viele Japantouristen wählen darum für ihre Reise bewusst das Frühjahr, wenn das ganze Land in ihrem Zeichen steht. Es handelt sich bei der japanischen Kirsche aber nicht um die Arten, die man etwa beim Blütenfest in Werder sehen kann, wo die Sauer- oder Weichselkirsche (Prunus cerasus) und die Süß- oder Vogelkirsche (Prunus avium) blühen. Die japanische Kirsche ist keine Nutzpflanze, sondern eine reine Zierkirsche (Prunus serrulata), deren spätere Früchte nicht gegessen werden können. Sie trägt besonders viele, meist rosafarbene Blüten.

ENTLANG DER KIRSCHBLÜTENFRONT

Die schmale, langgezogene Form der japanischen Inselwelt bedingt, dass die Kirschbäume nicht überall im Land zur gleichen Zeit blühen. Man spricht von der sogenannten „Kirschblütenfront“. In Okinawa im äußersten Süden fällt der Startschuss schon Ende Januar, in Tokio etwa Mitte März, während das Schauspiel auf der Insel Hokkaido im Norden erst gegen Ende April bewundert werden kann. In jedem Jahr verfolgen die Japaner in den News und anhand entsprechender Karten, wann es in ihrer jeweiligen Region an der Zeit ist, das traditionelle Kirschblütenfest „Hanami“ zu begehen. Wörtlich übersetzt heißt „Hanami“ soviel wie „Blüten bestaunen“. Man setzt sich dabei mit Familie, Freunden und Kollegen auf mitgebrachten Decken unter die Baumkronen und genießt das herrliche Bild der „Sakura“, wie die Kirschblüte auf Japanisch heißt. Begleitet wird das Ganze von einem Picknick, bei dem Bentoboxen mit kleinen Köstlichkeiten ausgebreitet werden. Dazu trinkt man Tee aus Thermoskannen und meist auch den japanischen Reiswein Sake.

SUMMER IN, WINTER OUT

Die herkömmliche Symbolik der Japanischen Kirschblüte als Zeichen des Neubeginns verbindet sie mit den Bildern und Gleichnissen, die auch für Frühlingsfeste in Europa charakteristisch sind. Beim Beltane Fire Festival in Edinburgh, traditionell am Vorabend und in der Nacht auf den 1. Mai begangen, hörte ich einmal eine Zuschauerin ihren Begleiter fragen, was der üppige Blumenschmuck auf dem Kopf einer Tänzerin zu bedeuten habe. Worauf er mit unnachahmlicher schottischer Trockenheit sagte: „Well … basically: Summer in, Winter out.“
Sakura ist jedoch mehr als nur das. In Japan steht die kurze Blütezeit der Zierkirsche – die volle Blüte dauert nur zwei bis drei Tage – auch für die Vergänglichkeit der Schönheit in der Natur. Sie entspricht dem ästhetischen Prinzip des mono no aware, einer leisen Traurigkeit über die Endlichkeit der Dinge und deren gleichzeitige Akzeptanz und Feier. Gerade ihre Vergänglichkeit macht die Schönheit unendlich kostbar und fordert dazu auf, sie ganz bewusst und mit allen Sinnen zu genießen, im jeweils gegenwärtigen Augenblick.

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