DER STAMMBAUM DER DÜFTE

DUFTFAMILIEN – TEIL 2: ZITRUSDÜFTE

TEXT: DR. SUSANNE NIEMUTH-ENGELMANN | FOTO (HEADER): RENÉ ANTONOFF

Auszug aus:

GARTENDESIGN INSPIRATION 4|2018: Heilgärten

GARTENDESIGN INSPIRATION
Das Magazin für Gartengestaltung und Gartengenuss
Ausgabe 4|2018
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Was im 18. Jahrhundert die Basis für das erste „Eau de Cologne“ war, ist auch heute noch Grundstoff für die belebenden Parfums der zitrischen Duftfamilie. Keine Frucht steht so für pure Erfrischung und Vitalisierung an heißen Sommertagen wie die Zitrone. Mitten im Hochsommer wollen wir Ihnen darum mit dem zweiten Teil unserer Reihe „Duftfamilien“ ein wenig Kühlung spenden und Sie einladen auf eine Reise in das Land, wo die Zitronen nicht nur blühen, sondern auch reifen, geerntet und zu kostbaren Duftessenzen verarbeitet werden.

„Acqua di Parma Colonia“, „Ô de Lancôme“, „Dolce & Gabbana Light Blue“ … drei prominente Düfte, die stellvertretend für die schier unendliche Liste der Zitrusdüfte steht, die der Parfummarkt für uns bereithält. Auch in der faszinierenden Welt der sogenannten „Nischenparfums“, individuell hergestellter Düfte kleinerer Manufakturen, spielen die zitrischen Noten eine große Rolle. „Hesperiden“ nennt man diese Duftfamilie auch, eine Bezeichnung, die auf den italienischen Jesuiten und Botaniker Giovanni Battista Ferrari (1584 – 1655) zurückgeht. In der griechischen Mythologie sind die Hesperiden Nymphen, die in einem zauberhaften Garten über einen Wunderbaum mit „goldenen“ Früchten wachen. Für Ferrari war klar: Bei diesen Früchten kann es sich nur um Orangen oder Zitronen handeln, denen er darum als Sammelbegriff den Namen ihrer schönen Hüterinnen zuordnete. Auch Carl von Linné (1707 – 1778) dachte an den mythologischen Baum, als er Zitrusfrüchte mit dem Namen „Hesperiden“ belegte. Botanisch betrachtet, gehören alle Pflanzen der Gattung Citrus L. (Fam. Rutaceae, Rautengewächse) zu den Zitruspflanzen.

Nach heutigem Forschungsstand ist es eher unwahrscheinlich, dass es im antiken Griechenland bereits Zitronen gab. Zweifelsfrei nachgewiesen werden konnte ihr Anbau aber für die Zeit des Römischen Reiches. Im antiken Oplontis in Kampanien, im heutigen Torre Annunziata bei Pompeji, fanden Archäologen Hinweise auf ihre Verbreitung. Spätestens im 9. Jahrhundert war die Zitrone dann im Zuge der arabischen Eroberungen auf Sizilien ebenso beheimatet wie die Bitterorange.

 

REIFE FRÜCHTE DAS GANZE JAHR ÜBER

Sizilien gehört auch heute neben Spanien, der Türkei und Marokko zu den wichtigsten Anbaugebieten für Zitrusfrüchte. Es ist Teil der als „Zitrusgürtel“ bezeichneten Region rund ums Mittelmeer. Millionen von Zitrusbäumen wachsen auf der Insel, und reife Zitrusfrüchte findet man hier das ganze Jahr über. Die Lava-Asche des Ätna wird vom Wind über die ganze Insel verbreitet und sorgt so für eine gute Bodendüngung – beste Voraussetzung für eine reiche Ernte. Geerntet wird bis zu vier Mal jährlich, insgesamt Hunderttausende Tonnen Früchte.

 

GEWINNUNG ÄTHERISCHER ÖLE

Nur ein Teil der Zitronen, Limetten, Bergamotten, Mandarinen und Orangen wird indes zur Produktion von Nahrungsmitteln – oder von Genussmitteln wie dem „Limoncello“, dem köstlichen sizilianischen Zitronenlikör – eingesetzt. Da alle Zitruspflanzen reich an ätherischen Ölen sind, eignen sie sich auch ganz hervorragend zur Herstellung wichtiger Parfum-Grundstoffe. Bei der Gewinnung dieser ätherischen Öle (meist kaltgepresst) unterscheidet man zwischen solchen, die durch einfache Wasserdampfdestillation zum Beispiel der Schalen gewonnen werden, und solchen, die in mehreren Arbeitsschritten erzeugt und damit deutlich hochwertiger werden. Diese durchlaufen folgenden Prozess*:

  • Zerstörung der Öldrüsen und Freisetzung des ätherischen Öls durch mechanische Bearbeitung der Früchte oder nur der Schalen
  • Mittels Wasserspülung Abtrennung des in der Wasserphase emulgierten ätherischen Öls vom Pflanzenrückstand
  • Gewinnung des reinen ätherischen Öls durch Zentrifugieren

* Arbeitsschritte zitiert nach: Faulhaber, Susanne. Isotopenmassenspektrometrie und enantioselektive Analyse zur Authentizitätskontrolle ätherischer Öle. München: Herbert Utz Verlag 1998, S. 27

 

VERSCHIEDENE ZITRUSFRÜCHTE UND IHRE DUFT-WIRKUNGEN

Wer einmal in einem Zitronenhain gesessen hat, kennt den frischen Duft des Zitronenlaubes. Das Laub der Orange ist deutlich süßer, das der Mandarine herb-aromatisch. Diese Dreiteilung gibt schon einen Hinweis auf die Untergruppen, nach denen sich zitrische Düfte klassifizieren lassen.

 

DIE ZITRONE ODER LIMONE

Sie gibt der zitrischen Duftfamilie ihren Namen: die Zitrone oder Limone (Citrus × limon), deren ätherisches Öl wie oben beschrieben aus ihrer Schale gewonnen wird. Ihr sprudelnd-frischer, klarer Duft ist eine der leichtesten Noten im Kosmos der Duftessenzen. Daher findet man das Aroma der Zitrone meist in der sogenannten „Kopfnote“ von Parfums. Die Kopfnote eröffnet die Duftkomposition wie eine Ouvertüre. Sie ist das erste, was man nach dem Aufsprühen riechen kann, während sich die intensivere Herznote – häufig aus Blütenessenzen – erst später entwickelt. Sie wird schließlich gefolgt von der oft würzig-balsamischen Basisnote, die einen Duft wie eine Art Grundton begleitet und ausklingen lässt. Eine zitrische Kopfnote wird gern mit Lavendel oder holzigen Aromen wie Kiefer kombiniert.

 

DIE POMERANZE ODER BITTERORANGE

Die Pomeranze oder Bitterorange (Citrus × aurantium L.) nimmt eine besondere Stellung innerhalb der Zitruspflanzen ein. Zwar sind ihre Früchte zu bitter, um sie roh zu essen oder ihren Saft zu genießen. Für die Parfumherstellung sind sie jedoch unverzichtbar, denn bei der Produktion ätherischer Öle erweisen sie sich als wahre Allrounder: Nicht nur die Schalen der reifen Pomeranzen, sondern auch ihre unreifen Früchte, ihre Blätter und Zweige sowie ihre Blüten finden Verwendung.

Das hellgelbe Destillat aus Blättern, Zweigen und winzigen unentwickelten Früchten, die an Pfefferkörner erinnern, bezeichnet man als „Petitgrain“. Der frische, krautige Duft des Petitgrain-Öls ist Grundlage zahlreicher Zitrusdüfte und gilt als belebend, harmonisierend und stimmungsaufhellend. Petitgrain wird besonders gern in der Kopfnote von Parfums verwendet.

Die Essenz aus den Blüten des Bitterorangenbaumes wird „Neroli“ genannt. Der Name geht auf Anna Maria de la Tremoille zurück, die durch Heirat mit dem Herzog Flavio Orsini zur Prinzessin von Nerola (ein Ort nahe Rom) wurde. Sie soll der Überlieferung nach den Duft der Orangenblüte besonders geliebt und durch ihren Einfluss an allen europäischen
Höfen bekannt gemacht haben. Neroli duftet zart und lieblich bis süß und wird darum besonders gern in der Herznote von Parfums eingesetzt, entfaltet sich also erst nach einer gewissen Tragezeit. Um ein Kilogramm Neroli zu erzeugen, benötigt man rund eine Tonne Blüten.

 

DIE BERGAMOTTE

Während man die Bitterorange zwar nicht roh essen, aber durchaus zur Herstellung bestimmter Konfitüren und Chutneys in der Küche verwenden kann, ist die Bergamotte (Citrus bergamia) eine Zitruspflanze, die ausschließlich zur Produktion von Parfumölen angebaut wird. Die Pflanze ist eine Kreuzung aus Zitronatzitrone (Citrus medica) und Bitterorange. Bergamottebäume erinnern an Zitronenbäume, ihre Früchte sind aber eher rundlich. Das ätherische Öl der Bergamotte wird aus den dicken Schalen ihrer Früchte gewonnen. Sein Duft ist klar, spritzig und strahlend und wird in unzähligen Parfums als Kopfnote eingesetzt; die herb-frische Note macht es vor allem für sogenannte „Unisex“-Düfte geeignet.

 

DIE MANDARINE

Aus der Mandarine (Citrus reticulata) lassen sich zwei unterschiedliche Öle gewinnen, das grüne und das rote Mandarinenöl. Während das grüne Öl aus der Schale der unreifen Frucht destilliert wird und ein recht herbes Aroma besitzt, stammt das rote Mandarinenöl aus den Schalen reifer Früchte und duftet entsprechend zarter, lieblicher und süßer. Diese Süße ist charakteristischer Bestandteil jener Zitrusdüfte, die über die säuerliche Frische eines Eau de Cologne hinausgehen und sich mehr in Richtung eines echten Parfums bewegen. Sie wirken voller, abgerundeter und fast blumig. Gern wird rotes Mandarinenöl auch in orientalischen Duftkompositionen verwendet, um diesen etwas von ihrer Schwere zu nehmen. Dem Mandarinenduft sagt man nach, er stärke die Unternehmungslust und sei gut gegen Stimmungstiefs.

 

EINE BESONDERE VERBINDUNG: DÜFTE UND MINERALIEN

Auch in Südfrankreich mit seiner Duft-Hauptstadt Grasse, über die wir im letzten Heft (Duftfamilien Teil 1: Florale Düfte) berichtet haben, werden Parfums der zitrischen Duftfamilie hergestellt – und geliebt. Einer, der sich einer ganz besonderen Passion verschrieben hat, ist Olivier Durbano mit seinem Projekt „Parfums de Pierres Poèmes“.

Durbano, der in Cannes aufwuchs und in Lyon Architektur studiert hat, war schon in seiner Kindheit von Steinen und ihrer magischen Ausstrahlung fasziniert. Nach vielen Jahren als Schmuckdesigner stieg er 2005 in die Welt der Nischen-Parfümerie ein und entwickelte eine Linie, die bestimmte Steine und ihre speziellen Kräfte mit bestimmten Duftrichtungen assoziiert. Die edlen Essenzen werden in gläsernen Duftflakons angeboten, in denen Partikel der schimmernden Steine schwimmen.

„Citrine“ heißt das Eau de Parfum, das dem Kristallquarz Zitrin zugeordnet wird und in seiner Kopfnote vor allem aus sizilianischer Zitrone und wilder Orange besteht.

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