DER STAMMBAUM DER DÜFTE

DUFTFAMILIEN – TEIL 3: HOLZIGE DÜFTE

TEXT: DR. SUSANNE NIEMUTH-ENGELMANN | FOTO (HEADER): ©Vera Kuttelvaserova – stock.adobe.com

Auszug aus:

GARTENDESIGN INSPIRATION 5|2018: Hanggärten

GARTENDESIGN INSPIRATION
Das Magazin für Gartengestaltung und Gartengenuss
Ausgabe 5|2018
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Wenn die Tage kürzer werden, steigt unser Bedürfnis nach Wärme und Geborgenheit. Spiel, Flirt, heitere Selbstinszenierung: All diese Sommerlaunen rücken in den Hintergrund. Ein Duft soll nun vor allem sanft umhüllen, erden, unaufgeregte Eleganz und Tiefe verströmen. Genau die richtige Zeit für ein Parfum aus der holzigen Duftfamilie! Erfahren Sie im dritten Teil unserer Reihe, welche Hölzer als Grundstoff dienen und wie man sie verarbeitet, um aus ihnen herbstlich-aromatische Düfte zu entwickeln.

Dufttrends kommen und gehen. Es gibt kurzlebige Moden, etwa die synthetische Herstellung von Aromen, die an Süßigkeiten wie gebrannte Mandeln, Lakritz oder Kaugummi erinnern. Es gibt aber auch zeitlose Duftrichtungen, die buchstäblich Jahrtausende überdauern und zu denen es Menschen immer wieder hinzieht. Aromatische Hölzer wie Rosen-, Sandel-, Kaschmir- oder Zedernholz gehören zweifellos dazu.

Die holzige Duftfamilie ist eine der ältesten Duftfamilien überhaupt und entwickelte sich bereits in den alten Hochkulturen Ägyptens und Indiens, den Ursprungsländern der Parfumherstellung. Sandelholz (Santalum album) oder Zimtrinde (Cinnamomum zeylanicum) gehörten hier zu den Grundstoffen, die in Verbindung mit verschiedenen Harzen zum rituellen Räuchern verwendet wurden. Aus dieser rituellen Verwendung von Duftstoffen, die ursprünglich nur den Priestern vorbehalten war, entstand nach und nach eine Kultur der Körperpflege, bei der wohlriechende Stoffe unverzichtbar waren und die nun auch im Alltag von „gewöhnlichen Menschen“, die nicht zur Priesterkaste gehörten, verwendet werden durften. Im alten Ägypten war der aus Zedernholz (Cedrus) gewonnene Duftstoff auch eine häufige Grabbeigabe. Noch Jahrtausende später verströmte er seinen Wohlgeruch, als die Pyramidengräber von Archäologen
geöffnet wurden.

DUFTGEWINNUNG AUS HÖLZERN

Genau wie aus Blüten und Früchten (vgl. GARTENDESIGN INSPIRATION, Ausgabe 3/2018, S. 90, und Ausgabe 4/2018, S. 83) lassen sich auch aus Rinden, Schalen und anderen Holzteilen ätherische Öle mittels klassischer Wasserdampfdestillation herstellen. Und ebenso wie bei Blüten und Früchten entscheidet die Qualität der Grundstoffe letztlich über die Qualität des Endproduktes. Sollen die gewonnenen Öle in zertifizierter Naturkosmetik Verwendung finden, so dürfen keinerlei chemische Lösungsmittel bei der Herstellung zum Einsatz gekommen sein. Außerdem müssen die verwendeten Hölzer aus nachhaltigem Holzanbau stammen.

Beispiel Sandelholz: edel und lang anhaltend

Wie aufwendig die Produktion ätherischer Öle aus Hölzern ist, kann am Beispiel des Sandelholzes besonders anschaulich beschrieben werden. Der immergrüne Sandelholzbaum wird vor allem auf ostindischen Inseln wie Timor angebaut und steht hier unter staatlichem Schutz. So darf er nicht gefällt werden, ehe er nicht mindestens 30 Jahre alt ist. Aus gutem Grund: Das kostbare Sandelholzöl wird von ihm erst ab dem 25. Lebensjahr entwickelt. Hat er das hohe Alter endlich erreicht, so wird er meist komplett entwurzelt, da nicht nur der Stamm und die Äste, sondern auch die Wurzeln des Sandelholzbaumes ätherisches Öl enthalten. Mithilfe von Termiten werden anschließend Rinde und Spintholz vernichtet, sodass nur noch das Kernholz zurückbleibt. Dieses wird zerkleinert, in Wasser gequollen und danach mit Dampf destilliert. Für die Produktion von einem Liter Öl benötigt man rund 15 bis 25 Kilogramm Holz. Die geringe „Ausbeute“ ist zusammen mit dem langwierigen Anbau für den hohen Preis verantwortlich, zu dem Sandelholzöl am Markt gehandelt wird: rund 1.200 Euro kostet ein Kilogramm im Welthandel. Kostbar wird es auch durch seine besondere Haftfestigkeit, die es besonders geeignet für komplexe Duftkompositionen macht. Es erleichtert nicht nur seine eigene Verbindung mit anderen ätherischen Ölen, sondern verbessert auch den Zusammenhalt dieser untereinander.

Der charakteristische Sandelholzduft ist nicht unbedingt klassisch holzig, sondern hat auch cremigsamtige Noten, die in der Fachsprache als „balsamisch“ bezeichnet werden.

KOMPLEXE DUFTKOMPOSITIONEN

Für die Beschreibung der Duftfamilie „Holzig“ muss man wissen, dass nicht alles, was nach Holz riecht, auch ausschließlich aus Hölzern hergestellt wird. Sogenannte „holzige“ Parfums enthalten oft eine Vielzahl weiterer Bestandteile, die in ihrer Gesamtheit den holzigen Dufteindruck entstehen lassen, aber beispielsweise aus einer Kombination von Hölzern mit grünen Blättern, Harzen oder (heute erfreulicherweise fast immer im Labor nachgebauten) tierischen Inhaltsstoffen bestehen. So entsteht einmal mehr eine Vielzahl von Untergruppen, die dem faszinierenden Stammbaum der Duftfamilien weitere Zweige und Verästelungen hinzufügt. Holzig-moosige Düfte zum Beispiel kombinieren Sandelholz mit Eichenmoos – dessen Verwendung allerdings 2017 durch die EU stark eingeschränkt wurde –, holziggrüne fügen Zedernholz erdiges Vetiver (Vetiveria zizanioides), ein tropisches Süßgras, hinzu.

Beispiel Adlerholz: kostbar, einzigartig – und gefährdet

Der Adlerholzbaum (Aquilaria malaccensis) wird schon im Alten Testament und im Heiligen Koran erwähnt. Seinen Namen erhielt er von seiner interessanten Form: Die Zweige stehen wie Adlerschwingen vom Stamm ab. Der Ursprung des Adlerholzbaums liegt in Südostasien. Indien, Kambodscha, Vietnam, Laos und Thailand beliefern die Welt mit dem kostbaren Adlerholzöl, das unter seinem arabischen Namen „Oud“ besser bekannt und seit einigen Jahren auch absolut en vogue ist. Oud ist für seine aphrodisierende Wirkung bekannt und duftet warm, sinnlich, rauchig und manchmal – natürlich nur ein ganz klein wenig – nach menschlichem Schweiß. Gewonnen wird es allerdings nicht aus der Rinde des Baumes, sondern aus einem Harz, das wiederum erst aufgrund einer Verletzung oder eines Pilzbefalls des Baumes entsteht. Der weltweite Ansturm auf dieses einzigartig duftende Harz hat dazu geführt, dass der ursprüngliche Schutzmechanismus des Baumes nun sein Verhängnis werden könnte. Mit Bohrern und Schlagwerkzeugen werden Adlerholzbäumen willkürlich Schäden zugefügt, um so die Harzbildung künstlich anzuregen. Mittlerweile unterliegt der Handel mit Adlerholz und seinen Pflanzenteilen dem Artenschutzabkommen, aber Rohstoffjäger, die Raubbau treiben, versuchen die Gesetze zu umgehen und gefährden so den Bestand. Denn es geht um sehr viel Geld: Bis zu 60.000 USDollar sind Liebhaber bereit, für ein Kilo Adlerholz zu zahlen. Und auch, wenn es immer wieder versucht wird – eine wirklich gelungene Nachbildung des Adlerholz-Duftes im Labor gibt es bisher noch nicht.

Beispiel Arve: frisch, lichtvoll und rein1

Arvenduft riecht holzig, frisch, rein; es ist darin etwas ganz Lichtes, Kraftvolles enthalten.

Die Schweizer nennen Sie Arve (Pinus cembra), in Tirol heißt sie Zirbe oder Zirbelkiefer und verdient als Baum des Hochgebirges zu Recht ihren Ehrentitel „Königin der Alpen“. Im Laufe der Jahrtausende haben diese Königinnen entfesselten Naturgewalten getrotzt – Sommergewittern, Blitzschlägen und Schneestürmen. Dabei wurden Stämme angesengt, Äste und Kronen abgebrochen. Diese Wunden vernarbten nach und nach und verleihen heute jeder Arve ihren unverwechselbaren Charakter. Weder Steinschläge noch Felsstürze und Erdrutsche vermögen diese Überlebenskünstlerinnen aus ihrem extrem exponierten Siedlungsgebiet zu vertreiben.

Die Arve gilt als ein besonders „Licht einsammelnder Baum“, in diesen freien Höhen fängt sie die Sonnenenergie der lichtreichen Hochalpen auch in ihrem ätherischen Öl ein. Wir kennen das von einem guten Wein; alle Komponenten des Wachstums fließen in diesen edlen Tropfen. Nicht anders ist es bei echten Parfum-Ingredienzen. Im Duft der Arve erhalten wir die ganze Fülle ihrer Botschaften, der ihrer Langlebigkeit, Ausdauer, Stärke und ihres Schutzes geschenkt.

Das Licht Segantinis, des großen Malers der Schweizer Alpen Giovanni Segantini1, wurde im Parfum LUCE DI SEGANTINI2 als maßgebliche Ingredienz von mir verwandt. Für die Weltausstellung in Paris 1900 hatte Segantini ein riesiges Panorama geplant, bei dem auch Düfte eine Rolle spielen sollten. Seine Enkelin Gioconda Segantini fand erst vor Kurzem einen Brief von ihm, in dem er ausdrücklich von den Düften schreibt:

Doch dann, Signora, ist diese wilde Natur schön, schön in ihrer Jugend, die nach Veilchen und Heckenrosen duftet und nach dem starken Aroma der Nadelwälder.

„Das ergibt doch einfach ein Ganzes! Zwischen dem Licht, der Landschaft und dem Duft, da musste doch ein Parfum entstehen“, meinte Gioconda Segantini. Dass es „Luce“ heißen würde, war klar, weil es vom Licht hier oben inspiriert ist und davon, wie ihr Großvater darüber geschrieben und wie er gemalt hat.3

1 Text zur Arve: Beate M. T. Nagel, Parfümeurin und Künstlerin, Gründerin von ART PARFUM
2
Segantini Museum in St. Moritz / Schweiz: www.segantini-museum.ch
3 Auszug aus dem Artikel „Es werde LUCE“ von Verena Lueken im FAZ MAGAZIN November 2016

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