JAPANISCHE GÄRTEN

HARMONIE IN PERFEKTION

TEXT: SUSANNE WANNAGS | FOTO (HEADER): LUXURY TREES

Auszug aus:

GARTENDESIGN INSPIRATION 3|2016: Japanische Gärten

GARTENDESIGN INSPIRATION
Das Magazin für Gartengestaltung und Gartengenuss
Ausgabe 3|2016
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Gärten in Japan sind Meisterwerke der Ausgewogenheit und Balance. Mit viel Intuition und Können erschaffen japanische Gartengestalter harmonische, beruhigende Miniaturlandschaften.

In der japanischen Gartengestaltung geht es nicht um die Selbstverwirklichung eines Planers. Die Kunst des Gartenmeisters liegt darin, geduldig herauszufinden, welcher Garten auf dem Grundstück entstehen möchte. Der Garten ist bereits da – man muss ihm nur Gestalt geben. Vergleichbar ist das mit Steinmetzen oder Holzschnitzern, die man fragt, warum sie aus Stein oder einem Stück Holz eine bestimmte Figur geformt haben. Die wahren Künstler unter ihnen werden sagen, dass diese Form schon immer da war und lediglich freigelegt werden musste. Vorher auf den Stein oder das Holz zu zeichnen, was daraus entstehen soll, wäre zwar solides Handwerk, aber keine Kunst.

Damit unterscheidet sich Gartengestaltung in Japan grundlegend von der europäischen Herangehensweise. Es gibt keinen Plan, wie ein fertiger Garten aussehen soll. Fertig ist, was sich fertig anfühlt, was ausgewogen ist. Ungezähmtes und Kontrolliertes, Üppiges und Zurückhaltendes, Gerades und Gebogenes – Gegensätze werden aus- und angeglichen. Diese Balance wirkt beruhigend auf den Betrachter.

EINFLÜSSE AUF DIE GARTENKULTUR

Die japanische Gartenkultur ist geprägt von den unterschiedlichsten Einflüssen. Die Urform des japanischen Gartens ist eine Landschaft, die vom Wasser aus betrachtet werden kann. Erfunden haben die Japaner diese Gartenform nicht – sie gelangte im 5. und 6. Jahrhundert mit dem Buddhismus aus China in den Inselstaat. Den Wassergärten folgten Wandelgärten, die man nun nicht mehr aus sitzender Perspektive betrachtete, sondern gehend erlebte. Merkmale dieser Gärten waren Teiche verschiedenster Größe und Wege, die in immer wieder neue Bereiche führten und dem Besucher einen unerwarteten, überraschenden Anblick boten. Aus den Wasser- und den Wandelgärten entwickelten sich alle anderen Gartenformen in Japan, beispielsweise der Teegarten. In den Teehäusern, die zu diesen Gärten gehören, findet die Teezeremonie statt. Dieses Ritual mit festen Handlungsabläufen wird auch als „Teeweg“ bezeichnet und ist ein Übungsweg, der zur Erleuchtung führen kann. Die Teegärten sind so angelegt, dass Gäste, die sie betreten, in eine stille, abgeschlossene Welt kommen. Vom Eingangstor bis zum Teehaus sollen sich die Schritte verlangsamen, der Besucher soll ruhig werden und sich reinigen – innerlich durch Konzentration und Kontemplation, äußerlich an den Wasserbecken, die sich im Garten befinden.

Neben den Teegärten findet man in Japan noch die Trockenlandschaftsgärten, die in der westlichen Welt auch als Zen-Gärten bezeichnet werden. Dort spielt Stein die Hauptrolle. Wasser wird beispielsweise mit großen Kiesflächen symbolisiert, Wasserfälle und Inseln werden aus Felsen gestaltet

 

OPTISCHE TÄUSCHUNGEN

Die Harmonie und Perfektion, die japanische Gärten ausstrahlen, sind das Ergebnis meisterhafter Manipulation, bei der mit Größe, Entfernung und den verschiedensten Blickwinkeln gespielt wird. In europäischen Gärten bilden große Pflanzen in der Regel den Hintergrund, kleine Pflanzen werden weiter vorne gepflanzt. Dieses Prinzip dreht sich im Japangarten um. Der große Strauch kommt nach vorne, der kleine nach hinten. Auch wenn sie nur 30 Zentimeter voneinander entfernt stehen, nimmt das Auge aufgrund des Größenunterschiedes eine Entfernung von mehreren Metern wahr. Das lässt kleine Flächen größer wirken.

Diese Art der Perspektivenbildung zieht sich durch die gesamte Gartengestaltung. So sind beispielsweise Teiche im hinteren Bereich schmaler als vorne. Aufgedeckt wird diese nahezu perfekte Täuschung dann, wenn sich im Garten etwas befindet, das einen Vergleich erlaubt, beispielsweise ein Vogel vor dem Gebüsch oder eine blühende Tulpe. Während sich deutsche und englische Gärten an Blütenpracht überbieten, findet sich in japanischen Gärten vor allem Grün in den unterschiedlichsten Varianten. Auch mit den Grüntönen wird  gespielt. Befinden sich helle Pflanzen im Vordergrund und dunkle hinten, vermittelt das den Eindruck von Tiefe.

 

MINIMALISMUS ALS PRINZIP

So wenig wie möglich, so viel wie nötig – so könnte das Motto japanischer Gartenmeister lauten. Die Rede ist von der Kunst des Weglassens. Ihre Vollendung findet diese Kunst wohl in den Trockenlandschaftsgärten, die Europäer mit den Zen-Gärten assoziieren – ein Begriff, den die Japaner gar nicht kennen. Im Trockenlandschaftsgarten wird Wasser durch Stein symbolisiert.

Steine sind für Japaner etwas Lebendiges. Die chinesische Mythologie kennt die „Inseln des ewigen Lebens“. Fünf dieser Inseln wurden von Unsterblichen bewohnt und von Meeresschildkröten getragen. Zwei davon gingen jedoch verloren. Um sie zu finden und das Geheimnis des ewigen Lebens zu erfahren, schickte der chinesische Kaiser mehrere Expeditionen los. Als alles Suchen vergebens war, entschied sich der Kaiser, die Unsterblichen, die sich mit Kranichen fortbewegten, zu sich zu locken. Dafür baute er einen wunderbaren Garten an seinem Palast. Zwar fanden die Unsterblichen den Weg zu ihm nicht und das Geheimnis des ewigen Lebens wurde nicht gelüftet – was blieb sind Gärten mit Wasserflächen aus Kies und Inseln aus Stein, die die Form von Schildkröten und Kranichen haben und ein langes, glückliches Leben symbolisieren sollen.

 

DIE KUNST DES STEINESETZENS

Steinsetzung in japanischen Gärten ist eine Wissenschaft für sich. Der Steinsetzer hat viele unterschiedliche Aspekte zu beachten. Er muss wissen, wie der Stein einzeln wirkt, eingebunden in eine Felsgruppe oder in einen Wasserfall. Wie sieht er in Kombination mit Sträuchern aus oder inmitten von Moos? Manche Steine im japanischen Garten sind Symbole, andere wiederum sind einfach nur Steine. Gemeinsam ist jedoch allen, dass sie nicht nach einem Plan, sondern nach Gefühl gesetzt werden. Jeder Stein bevorzugt einen bestimmten Platz, eine bestimmte Richtung und hat eine besonders schöne Seite. Während der eine Stein Gesellschaft mag, ist ein anderer eher ein Eigenbrötler. All das dem Stein zu entlocken, ist Aufgabe des Steinsetzers. Auch wenn das Steinesetzen Gefühlssache ist, gibt es dennoch ein paar Gestaltungsprinzipien. Eines davon ist, Symmetrien zu vermeiden. Symmetrie ist Sache der Architekten, nicht der Natur. Dort liegen große neben kleinen, dicke neben dünnen, lange neben kurzen Steinen – selten finden sich Regelmäßigkeiten. Diese Naturbeobachtungen werden im Japangarten umgesetzt.

Wie bei der Pflanzung gibt es auch hier das Spiel mit der Perspektive: Geschickt gesetzte, unterschiedlich große Steine lassen einen kleinen Garten größer wirken. Eine beliebte Felsformation ist die Dreiergruppe, bestehend aus einem großen Hauptstein und zwei kleineren Helfersteinen. Idealerweise sind sie als ungleichseitiges Dreieck gesetzt. Diese Dreiecke finden sich auch als Verhältnis zwischen verschiedenen Steingruppen. Wichtig ist, dem Stein eine solide Basis zu geben, ihn also so tief wie nötig im Erdreich zu verankern. Natürlich gilt: je größer der Stein, desto schwerer. Findlinge bis 150 Kilogramm können meist noch mit der Schubkarre transportiert werden, bei allen Steinen, die schwerer sind, müssen Maschinen ran. Natürlich werden mit Steinen im japanischen Garten auch Wege gepflastert – vom Natur- bis zum Betonstein, von einfachen Trittplatten bis zu aufwendigen Mosaikmustern ist hier alles denkbar. Als Wegebelag werden außerdem Materialien wie Kies und Rindenmulch verwendet.

 

WASSER IST LEBEN

Die japanische Mythologie hat einen engen Bezug zum Wasser. Die Welt wurde geboren, als die japanischen Urgötter Izanagi und Izanami auf der Himmelsbrücke standen und in ein tosendes Chaos, einen Ur-Ozean blickten. Sie tauchten eine Juwelenlanze dort hinein und zogen sie wieder heraus. Aus Salztropfen, die von der Spitze der Lanze fielen, bildete sich die erste der mehr als 4.000 japanischen Inseln.

Wasser ist ein unverzichtbarer Bestandteil des japanischen Gartens und bedeutet Reichtum – schließlich konnte sich früher nur einen Wassergarten und Boote leisten, wer viel Geld hatte. Wo zu wenig Platz für einen Bachlauf, einen Teich oder Wasserfall ist, wird das Wasser mit Kies, der Wasserfall mit Felsen symbolisiert. Ist ausreichend Fläche vorhanden, ist die Natur Vorbild für die Gestaltung einer Wasseranlage. Das Wasser eines Wasserfalls kann auf unterschiedlichste Arten Höhenunterschiede überwinden – als lebendiger Strahl oder sanfter Wasservorhang, in Stufen oder ohne Unterbrechung von oben nach unten. Der Wasserfall speist immer einen Teich oder Bach. Letzterer kann schnell fließen oder gemächlich mäandern. Gartengestalter, die sich an der Natur orientieren, wissen: je schmaler das Bachbett, desto schneller die Fließgeschwindigkeit des Wassers.

Mit seiner Oberfläche, in denen sich Bäume, Sträucher und Wolken spiegeln, verbindet der Teich Himmel und Erde. Über das Wasser gelangt man mittels Trittsteinen oder Brücken, die im Idealfall die engste Stelle eines Teichs oder Bachs überspannen und aus Holz oder Stein gebaut sind. Ebenso passend sind Stege, die auf dem Wasser enden und einen Blick auf das andere Ufer ermöglichen.

 

DAS IDEAL ERHALTEN

Was die Bepflanzung angeht, bevorzugt man in Japan vor allem Grün in allen Schattierungen. Farbe kommt vor allem dann ins Spiel, wenn man die Höhepunkte einer Jahreszeit darstellen will. Neben der Kirschblüte sorgt in Japan im Frühjahr die Azaleenblüte für Aufsehen. In den Gärten leuchtet es rosa, rot, orange, weiß, gelb und violett. Nach der Blüte und bevor die Azalee wieder austreibt, wird sie geschnitten. Aus dem Gehölz werden sanfte Hügellandschaften und kissenartige Umrandungen für Bäume geformt. Im Herbst sorgen die verschiedenen Sorten des Japanischen Ahorns für orangefarbene bis rote Farbenpracht. Eine Besonderheit des japanischen Gartens ist, dass er sich nicht erst entwickeln muss, sondern sofort das gewünschte Ideal verkörpert.

Aufgabe des Gärtners oder Gartenbesitzers ist es also nicht, die Pflanzen so zu pflegen, dass sie immer üppiger wachsen, sondern sie vielmehr mit Geduld und dem richtigen Schnitt in ihrer ursprünglichen Form zu erhalten. Mehr als alles andere wird dieses Prinzip am Gartenbonsai sichtbar. Relativ junge Bäume werden so geschnitten, dass sie wirken, als seien sie Jahrhunderte alt. Für diese Formgehölze eignen sich Nadelbäume und Zypressengewächse.

Wer einen Japangarten sein Eigen nennt, hat bei der Gartenpflege Gelegenheit, Achtsamkeit und Aufmerksamkeit zu üben. Es hat etwas meditatives, Kiesflächen zu rechen, abgestorbene Pflanzenteile abzuzupfen und welkes Laub aufzuheben. Maschineneinsatz ist dort eher selten. Deshalb verzichten Besitzer solcher Gärten gerne auf dröhnende Laubbläser und knatternde Heckenscheren. Der Weg wird mit dem Besen gekehrt, die Hecke von Hand geschnitten. Ist man mit den Gedanken ganz bei dem, was man gerade tut, wird die Gartenarbeit zu einer kontemplativen Tätigkeit.

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