WUNDERWERK DER NATUR

BÄUME IN MYTHOLOGIE UND KULTURGESCHICHTE – TEIL 1: DIE LINDE

TEXT: DR. SUSANNE NIEMUTH-ENGELMANN | FOTO (Header): ©Wolfilser – stock.adobe.com

Auszug aus:

GARTENDESIGN INSPIRATION
Das Magazin für Gartengestaltung und Gartengenuss
Ausgabe 3|2019
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Wälder sind in Gefahr – und zwar nicht erst seit gestern. Schon vor über 30 Jahren warnten Umweltschützer vor der Zerstörung unserer Bäume durch die Folgen des sauren Regens. In den letzten Jahren konnte diese Gefahr zwar leicht verringert werden, doch die Lage der Wälder hat sich nicht verbessert. Heute ist es der Klimawandel, der sie zu zerstören droht. Dabei sind Bäume überlebenswichtige Grundlagen unserer Existenz. Die Bilder, die wir uns von ihnen machten und machen, sind zugleich einzigartige Zeugnisse unserer Kulturgeschichte.

Denkt man in menschheitsgeschichtlichen Zeiträumen, so ist es noch gar nicht lange her, dass der Wald eine Bedrohung für den Menschen war. In der europäischen Kulturgeschichte spielt er eine zentrale Rolle als Ort des Dunklen, Unerschlossenen und damit Gefährlichen, ja Lebensbedrohlichen.

Die schwedische Autorin Kerstin Ekman schreibt, dass die erste Schilderung von Waldangst nach allgemeiner Übereinkunft am Anfang von Dantes „Göttlicher Komödie“ zu finden sei, ergänzt aber: „Von der Angst im ‚schrecklichen Walde‘ wurde im Norden schon sehr lange gesungen.“* In ihrer skandinavischen Heimat bestand dieser Wald hauptsächlich aus Nadelbäumen, vor allem Fichten. Er war nur ganz vereinzelt von Laubbäumen durchzogen und von undurchdringlicher Dunkelheit, ein Urwald, wie man ihn heute in Europa nicht mehr findet. Wo das Licht  keinen Zugang hatte, war Schreckliches möglich, von der Begegnung mit dämonischen Mächten über den Verlust des Bewusstseins bis zur kompletten Auslöschung der eigenen Existenz. Auch in Mittel- und Südeuropa erscheint der Wald im Mittelalter und lange davor als Ort beängstigender
Erfahrungen.

Zugleich beginnt bereits im Mittelalter die bis heute andauernde Geschichte der Ausbeutung des Waldes durch den Menschen. Das ist kein Widerspruch: Das Bedrohliche zu zähmen, indem man es begrenzt, beschneidet, nach eigenen Vorstellungen gestaltet, ist eine europäische Kulturtechnik, die sich ein paar Jahrhunderte später in den französischen Gärten des Barock spiegelt. Im Wald ging es natürlich nicht um Gestaltung, sondern um Nutzung. Nur Adelige lebten im Mittelalter in Steinhäusern, die einfache Landbevölkerung baute ihre Häuser aus Holz. Im Hochmittelalter vergrößerte sich die Zahl der landwirtschaftlichen Flächen zuungunsten des Waldes.

Aus dem Hochmittelalter stammt aber auch eines der frühesten und schönsten deutschsprachigen Gedichte, in denen ein Baum eine wesentliche Rolle spielt:

Under der linden
an der heide,
dâ unser zweier bette was,
dâ mugt ir vinden
schône beide
gebrochen bluomen unde gras.
vor dem walde in einem tal,
tandaradei,
schône sanc diu nahtegal.

Unter der Linde
auf der Heide,
da unser beider Lager war,
da könnt ihr schön
gebrochen finden
die Blumen und das Gras.
Vor dem Wald in einem Tal –
tandaradei –
sang schön die Nachtigall.

Walther von der Vogelweide schrieb dieses Lied um 1197. Er macht darin die Linde, die wohlgemerkt vor dem Wald in einem idyllischen Tal steht, zum Treffpunkt der Liebenden. Dem frei stehenden Baum, dem Solitär, kommt somit eine vollkommen andere, geradezu gegensätzliche Bedeutung zu als dem geschlossenen Wald. Ein einzelner Baum in einer schönen Landschaft wird hier zum zentralen Treff- und Bezugspunkt und schützt ein Liebeslager mit seiner Krone.

 

LOCUS AMOENUS

Der Sänger des Mittelalters steht mit diesem Motiv des Baumes auf einer hellen, freundlichen Lichtung in einer langen Tradition. Der Baum ist eines jener Elemente, die schon in der Literatur der Antike den locus amoenus, einen idealen Ort der Muße und des Glücks, kennzeichnen. Das lateinische locus bedeutet Ort, amoenus steht für lieblich, anmutig, reizend. In der griechischen und römischen Literatur ist der locus amoenus ein Ort in der Natur, an dem man vor Hitze geschützt ist. Er ist nicht mit landwirtschaftlicher Arbeit verbunden, sondern dient der Erholung und Erquickung. Neben dem Schatten spendenden Baum oder der Baumgruppe sind Quelle und Ruheplatz weitere Merkmale dieses wahrlich wundervollen Ortes. Merkmale übrigens, die unverzichtbar für die moderne Gartenarchitektur sind: fließendes Wasser, das angenehme, beruhigende Geräusche spendet. Ein schöner Ruheplatz – heute der Loungebereich. Und immer wieder Bäume, die besondere Ankerpunkte setzen, als Solitäre oder reizvoll gestaltete Miniatur-Haine.

 

TREFFPUNKT LINDE

Nicht nur im poetischen Raum spielt(e) die Linde eine herausragende Rolle. Sie war auch faktisch von großer Bedeutung für das Zusammenleben der Menschen. So stehen vor alten Gasthöfen im Mittelpunkt eines Dorfes oftmals Linden, und nicht selten trägt eine Wirtschaft dann auch den schönen Namen „Zur Linde“. Unter der Linde wird gefeiert, getanzt, geliebt und gelacht – ein im besten Sinne des Wortes „volkstümlicher“ Baum.

Bei den Germanen wurde die Linde als Baum der Fruchtbarkeitsgöttin Freya verehrt und stand für Werte wie Wahrheit, Mut und Gerechtigkeit. Darum diente sie germanischen Stämmen nicht nur als gemeinschaftlicher Treffpunkt, sondern auch als Ort der Gerichtsbarkeit (Thingplatz). Auch bei den Slawen war „Libussa“, die Lindengöttin, Orakel und Rechtsprecherin. Unter einer Linde konnten Zeichen aus der Götterwelt empfangen werden, die den Ausgang, das Urteil bestimmten.

Gerichtsbäume standen fast immer an erhöhter, auf jeden Fall aber irgendwie herausgehobener Stelle eines Ortes. In dieser Tradition stehen die Gerichtslinden des Mittelalters, die man noch heute in etlichen Dörfern finden kann.

 

TASSILOS TRAUM

Im Zuge der Christianisierung wurden heidnische Symbole an den Gerichtslinden zerstört und durch Kreuze oder Marienbilder ersetzt, aber auch im Mittelalter war die Bedeutung der Linde noch immer mit zahlreichen abergläubischen Auffassungen aufgeladen. So glaubte man, unter ihrer Krone wäre man vor Blitzschlag geschützt. Typischerweise wurden christliche Bilder und Vorstellungen den heidnischen sozusagen „übergestülpt“, sodass die alten Traditionen zum Teil unter dem Mantel des neuen Glaubens weiterleben konnten. Die Linden, die vor Kirchen und Klöstern stehen, können viel davon erzählen.

Ein schönes Beispiel ist die Tassilolinde beim Kloster Wessobrunn im oberbayrischen Pfaffenwinkel. Der Legende nach ist die Gründung des Klosters  auf einen Traum zurückzuführen, den Herzog Tassilo III. im 8. Jahrhundert beim Rasten unter dieser Linde hatte. Er träumte von drei Quellen, die an einer Stelle zusammenflossen, von Engeln auf einer Himmelsleiter und von Petrus mit dem Himmelsschlüssel. Dieser Traum war so eindringlich, dass Tassilo seine Jagdgefährten beautragte, nach den Quellen zu suchen. Sie wurden in unmittelbarer Nähe gefunden – für den Herzog die göttliche Aufforderung, hier ein Kloster zu errichten. Auch im Christentum bleibt die Linde also der geeignete Ort für Eingebungen „von ganz oben“.

 

BAUM DER ROMANTIK

Genau diese Verbindung zur Inspiration, zum Zauberhaften und Übernatürlichen erklärt, warum die Linde ein Liebling der deutschen Romantik ist. Sucht man in der deutschsprachigen Literatur nach Baummotiven, so fällt auf, dass die Linde vor allem im 18. und 19. Jahrhundert überproportional häufig vertreten ist.

Während sie im Jahrhundert der Aufklärung als Treffpunkt und Gemeinschaftsort ein Symbol des bürgerlichen Alltags ist, ein „Baum des Volkes“ sozusagen, der sich  abgrenzt von der „adeligen“ Eiche, wird sie im 19. Jahrhundert zunehmend ätherischer: Im Rückgriff auf die oben beschriebenen uralten Bedeutungsmuster wird sie manchmal als Ort beschrieben, an dem der Dichter Inspiration empfängt. Dass diese häufig etwas mit der Liebe zu tun hat, mag am berauschenden Duft der Lindenblüten ebenso liegen wie an den herzförmigen Blättern des Baumes.

Die Zahl der Lindengedichte ist Legion: von Eichendorffs „Hier unter dieser Linde“ bis zu Annette von Droste-Hülshoffs „Die gute Linde“; gar nicht zu reden von Wilhelm Müllers „Der Lindenbaum“. Besser bekannt ist das Gedicht in der Vertonung von Franz Schubert: Das Lied „Am Brunnen vor dem Tore“ ist mit der deutschen  Geistesgeschichte in vielfacher und, wie Thomas Mann nachwies, teils abgründiger Weise verbunden. Auch Heinrich Heine war der Lindenmanie seiner Zeit verfallen, konnte sich aber zugleich in ironischer Selbsterkenntnis distanzieren und nahm die romantischen Klischees aufs Korn: „Mondscheintrunkne Lindenblüten / Sie ergießen ihre Düfte, / und von Nachtigallenliedern / Sind erfüllet Laub und Lüfte.“ In diesem Stil geht es weiter, bis der Dichter am Schluss zugibt, sich nach Kälte, Nordwind und Schneegestöber zu sehnen … kein Wunder angesichts dieser romantic overdose.

 

GEFAHR DURCH DEN MENSCHEN

Was Heine als Kind seiner Zeit nicht sehen konnte und was so nur im Rückblick erkannt werden kann, sind die Voraussetzungen für die schwärmerische Naturlyrik seiner Zeit und die romantische Idealisierung der Bäume: Die Industrialisierung wirft im frühen 19. Jahrhundert ihre Schatten voraus. Der Blick auf den Baum als Ort der Geborgenheit kann auch als Flucht vor Urbanisierung und Zweckrationalismus in einer sich verändernden Gesellschaft interpretiert werden. Für den Ausbau von Bergwerksstollen, für den Eisenbahnbau und für die Papierherstellung  werden riesige Mengen Holz benötigt. Die industrielle Revolution ist einer der traurigen Meilensteine in der Geschichte der Waldvernichtung. Spätestens jetzt ist der Wald keine Bedrohung für den Menschen mehr, sondern seinerseits durch die menschliche Zivilisation bedroht. Verstädterung und veränderte Arbeitswelt bringen es mit sich, dass der Wald just zum Zeitpunkt seiner einsetzenden Zerstörung als Erholungsraum und Rückzugsort gesehen zu werden beginnt. Und genau jetzt entstehen einige der schönsten Naturgedichte in deutscher Sprache.

Wie die letzten 200 Jahre zeigen, ist der Mensch offenbar kaum willens oder fähig, die Zerstörung des Waldes aufzuhalten. Die heutige Gefahr durch den menschengemachten Klimawandel stellt wahrscheinlich die größte Bedrohung dar, der die Wälder je ausgesetzt waren. Luftverschmutzung, Witterungsextreme wie schwere Stürme, lokal begrenzte Extremniederschläge, anhaltende Trockenheit und damit einhergehende Schädlinge wie der Borkenkäfer, der von steigenden Temperaturen profitiert, bilden in der Summe einen verhängnisvollen Cocktail, dem vor allem langlebige Bäume nicht standhalten können. Manche Klimaforscher vertreten die Ansicht, dass Aufforstungen im großen Stil, Hand in Hand mit intensivem Schutz des vorhandenen Waldbestandes, deutlich mehr zur Verlangsamung des Klimawandels beitragen könnten als die Reduzierung des CO2-Ausstoßes durch erneuerbare Energien. Um solche Aufforstungen möglich zu machen, bedarf es einer Rückbesinnung des Menschen auf den Wald als (Über-)Lebensgrundlage, aber auch als Kulturgut, ganz im Sinne Alexander von Humboldts: „Habt Ehrfurcht vor dem Baum, er ist ein einziges großes Wunder, und euren Vorfahren war er heilig. Die Feindschaft gegen den Baum ist ein Zeichen von Minderwertigkeit eines Volkes und von niederer Gesinnung des einzelnen.“

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