GEHÖLZE RICHTIG SCHNEIDEN

ZUM RICHTIGEN ZEITPUNKT AUF RICHTIGE WEISE

TEXT UND FOTOS: RALF HERMANN MELBER

Auszug aus:

GARTENDESIGN INSPIRATION 6|2017: Signalfarbe Rot

GARTENDESIGN INSPIRATION
Das Magazin für Gartengestaltung und Gartengenuss
Ausgabe 6|2017
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Kennen Sie das? Aus irgendeinem Grund ist ein Busch nicht mehr unter Kontrolle zu bekommen, weil er sich nach einem Schnitt plötzlich mit vielen wilden oder trockenen Trieben zu revanchieren scheint. Vielleicht vermissen Sie Blüten, die sich früher üppig entwickelt haben und jetzt nur noch spärlich zum Vorschein kommen. Manches scheint zu verwildern, woanders sieht es so aus, als würde ein Gehölz kein richtiges Leben mehr entwickeln und nur noch „vor sich hindümpeln“. Dieser Artikel ersetzt zwar keinen Gehölzschnittkurs, hilft aber dabei, Ihren Überlegungen rund um den Gehölzschnitt im Garten eine grundsätzliche Richtung vorzugeben.

PFLEGE VON KLEIN AUF

Haben Sie auch schon einmal den Dienstleister gewechselt, der sich um Ihre Grünanlagen kümmert, weil Sie das Gefühl hatten, dass – zum Beispiel – an den Bäumen irgendetwas nicht mehr stimmt? Sie merken zwar, dass da etwas verkehrt zu laufen scheint, wissen aber auch nicht so recht, wie ein Baum oder Strauch schön und vital bleiben kann, ohne mehr Arbeit zu machen als nötig.

Als Baumpfleger komme ich seit vielen Jahren in Gärten verschiedenster Art. Oft sind verkommende Pflanzen anzutreffen, die von klein auf einen konsequenten, regelmäßigen Erziehungsschnitt nötig gehabt hätten. Während es Sträucher und Bäume gibt, die von Natur aus eine recht harmonische Form entwickeln, brauchen andere intensive Pflege, um eine schöne Krone hervorzubringen, in der Äste oder Zweige weder aufeinander liegen, noch sich kreuzen oder sich gegenseitig so viel Licht wegnehmen, dass es zu umfangreicher Totholzentwicklung kommt.

Schon in den allerersten Jahren nach der Pflanzung ist es wichtig, zu steil stehende Äste bei Jungbäumen zu entfernen, die in Konkurrenz zur Spitze – dem Mitteltrieb – stehen. Geschieht dies nicht, kann ein Sturm in späten Jahren den Ast an dem spitzen Winkel ausreißen, sodass der Stamm tief eingerissen oder gar von oben nach unten halbiert wird. Eine große Wunde entsteht, die kaum wieder zuheilt, und die Standsicherheit des verbleibenden Baumes ist mitunter fraglich.

Beim Menschen ist die Säuglings- und Kleinkindphase elementar. Was hier versäumt wird, lässt sich später nur schwer ohne Folgen korrigieren. Ähnlich ist das in der Pflanzenwelt. Schnittwunden zum Beispiel, die beim jungen Baum nur einen geringen Durchmesser gehabt hätten, werden größer.

ALLES HAT SEINE ZEIT

Auch wenn viele der Meinung sind, man könne das ganze Jahr über beliebig schneiden: Je nach Art des Gehölzes entscheidet die richtige Zeit über die Vermeidung von Krankheiten und Schäden, über die Vitalität und das beste Wuchsergebnis. Als Beispiel sei hier der Schwarzkieferbusch (Pinus nigra) genannt: Bekanntlich bilden Nadelgehölze im Mai zarte Jungtriebe an den Zweigspitzen. Ein eventueller Form- oder Grenzschnitt sollte erst etwa Mitte Juni erfolgen. Sind Sie bedeutend früher oder später damit dran, wird diese Jungtriebbildung in den Folgejahren so sehr beeinträchtigt, dass der Strauch oder das Bäumchen an Lebenskraft verliert und immer mehr trockene Äste bildet, bis sich das Grün gänzlich verabschiedet. Wo kein Wachstum ist, da kommt früher oder später das Ende.

Sehr viele immergrüne Pflanzen bevorzugen einen Rück- oder Formschnitt im Juli oder August, nachdem sich der Junitrieb gebildet hat. Ahorn-, Kirsch- und Walnussbäume etwa vertragen in dieser Zeit eine Korrektur sehr gut; auch die Wundheilung verläuft besser nach günstig gewähltem „OP-Termin“.

Solange von September bis Dezember (je nach Art) noch Laub auf den Bäumen ist und Herbstfeuchte mit Nebel und Dunst vorherrscht, sollte man mit einem Schnitt warten, weil sich Pilzkrankheiten und andere Makel gerne in dieser Zeit entwickeln. Ist das Gehölz kahl und weniger frostempfindlich, macht ein Winterschnitt Sinn, andernfalls warten Sie besser bis kurz vor dem Austrieb im Februar oder Anfang März. Der Vorteil besteht darin, dass das Gerüst dann sehr gut erkennbar ist und fehlende Blätter den freien Blick ins Innere der Krone erlauben.

Abseits vom Sommerschnitt (Juni bis August) oder Winterschnitt (Mitte November bis Anfang März) lieben viele Gehölze eine Pflege nach der Blüte, so zum Beispiel Weigelie (Ende Juni, Anfang Juli) und Forsythie (Ende April, Anfang bis Mitte Mai). Fachliteratur gibt über ideale Schnittzeitpunkte in der Erziehungs- und der Erhaltungsschnittphase Auskunft.

 

EXTREME VERMEIDEN

Grundsätzlich gilt: Je stärker der Rückschnitt, desto erheblicher der Austrieb. Manchmal ist also weniger mehr. Dennoch sollten gerade Büsche regelmäßig in Form gebracht werden, will man nicht nur das Nötigste tun und sie so ihrem natürlichen Wuchs überlassen.

Manchmal stelle ich fest, dass ein Busch- oder Heckenwerk viel zu stark bis ins innere Totholz heruntergeschnitten wurde, sodass sehr viel Trockenholz sichtbar wird, das sich nicht mehr durch grünen Bewuchs abdeckt. Schneiden Sie stets nur so weit zurück, dass das lebendige Grün noch die gesamte Fläche abdeckt. Sind der Busch oder die Hecke im Bereich des toten Innenholzes schon höher als gewünscht, ist dies ein Indiz dafür, dass der Rückschnitt zu spät erfolgte.

Schneiden Sie daher lieber regelmäßig und bedenken Sie, dass immer Wachstum vorhanden sein muss. Denn Wachstum bedeutet Leben. Die Blätter oder Nadeln an den Zweigen sorgen für den nötigen Saftfluss innerhalb der Äste und Zweige. Fehlen sie, sterben die Triebe ab.

Was ist eigentlich schiefgelaufen, wenn die berühmten Wasserschosse oder Besentriebe an Bäumen oder Sträuchern überhandnehmen? Haben Sie Stummel stehengelassen? Dann mögen Sie, bildlich gesprochen, einen bösen Geist ausgetrieben und dafür sieben neue Geister an seine Stelle gerufen haben. Leiten Sie entweder auf einen bestehenden Zweig direkt oberhalb davon ab oder schneiden Sie ganz zurück auf Astring, lassen Sie also keinen Sockel an der Basis des Zweigs oder Astes stehen, den Sie entfernen möchten. Erstens kann die Wunde dann viel besser verheilen, und zweitens kommt es kaum zu den vielen Wasserschossen.

 

DIE RICHTIGE WERKZEUGWAHL

Es gibt aber noch einen Grund für die Entwicklung unerwünschter Triebe oder schlecht verheilender Wunden: die Verwendung des falschen Schnittwerkzeugs bei entsprechender Arbeitstechnik.

Sägen sollten Ihnen stets die Möglichkeit geben, den Schnittwinkel so anzusetzen, dass Sie wirklich auf Astring schneiden können, also zum Beispiel direkt am Stamm bzw. der Wulstbildung, wo sich die Wunde mittel- bis langfristig wieder schließen soll. Es gibt dafür sehr gute Handsägen oder Bügelsägen, bei denen sich der Winkel einstellen lässt.

Meine Kunden, die gerne auch einmal nach dem Motto „Do it yourself“ verfahren, frage ich gerne, welches Werkzeug sie verwenden. In sehr häufigen Fällen ziehen Sie dann fast stolz ihre kräftigen Astscheren hervor, die jedoch meistens mit einem Amboss ausgestattet sind. Während diese Art Schere sich hervorragend für Schnittgutzerkleinerung oder „Unten-ab-Schnitte“ an Büschen eignen, rate ich aus Gründen der Wundheilung und der Schosserbildung von einem Einsatz in der Baum- und Buschpflege mit Nachdruck ab. Der Amboss verhindert nämlich, dass die Klinge direkt am Astring oder oberhalb des Ableitungszweigs angesetzt werden kann. Falls Sie sich angesprochen fühlen: Besorgen Sie sich eine Astschere, die es Ihnen erlaubt, von einer Seite flach anzusetzen, ohne noch einen Höcker verbleiben zu lassen. Dies gilt für kleine Scheren ebenso wie für die mit zwei Händen zu bedienenden Baumscheren.

 

DIE SCHNITTTECHNIK

Ein bisschen Muskelschmalz sollte man beim Schneiden mitbringen. Verwenden Sie eine Schere, dann sollte diese (auch im Interesse Ihrer Gesundheit) scharf und stark genug sein, um saubere Schnitte zu erledigen. Das bedeutet: Sie setzen zum Schnitt an und drücken einmal fest durch. Dann sollten Ast oder Zweig fallen. Klemmen und quetschen Sie nicht hin und her, denn dadurch nimmt Ihr Werkzeug Schaden und schneidet auf Dauer nicht mehr präzise.

Sägen Sie auch so, dass sich keine Fransen an der Rinde bilden. Das passiert häufig bei Elektro- oder benzinbetriebenen Sägen. In diesem Fall sollten Sie mit einem Messer (am besten einer Hippe) nachschneiden. Andernfalls kommt es potenziell wieder zu Schosserbildung oder einer schlechten Wundverheilung. Um das Einreißen oder -schlitzen von Ästen zu vermeiden, nehmen Sie schwerere Äste zunächst weiter außen ab, ehe Sie den verbleibenden Stummel entfernen.

 

URSACHEN SCHAFFEN

Ob Sie Ihre Grünpflege nun teilweise selbst oder von einem Fachbetreib ausführen lassen – nehmen Sie sich bitte noch diese Hinweise zu Herzen:

  • Überlegen Sie am besten schon bei der Planung einer Bepflanzung, wie hoch und breit die Gehölze potenziell werden. Gute Baumschulen geben darüber qualifizierte Auskunft. Dann können Sie erwägen, wie dicht der Bewuchs schließlich sein wird und welche Pflegemaßnahmen auf Sie zukommen werden. Es gibt zum Beispiel Zierkirschbäume, die eher steil wachsen, und solche, die mehr in die Breite gehen. Zwischen Gebäuden oder im Grenzbereich zu Nachbarn kann dies schon ein entscheidender Faktor sein.
  • Je stärker Sie sich am gewohnheitsmäßigen Wachstum einer Pflanze orientieren, desto weniger Pflegeaufwand werden Sie später haben. Eine günstige Sorten- oder Artenauswahl trägt wesentlich dazu bei, nicht ständig Rück- oder Zuschnitte ausführen zu müssen. Gerade Obstbäume haben je nach Art eine individuelle Wuchseigenart. Lieben Sie beispielsweise Apfelbäume, macht es einen Riesenunterschied, ob eine ausladende „Goldrenette von Blenheim“ den Raum einnimmt oder ein schlanker wachsender „Berner Rosenapfel“.
  • Boden und Klima sollten der Pflanze natürlich angepasst sein. Bevorzugen Sie exotische Gehölze, könnten Sie zunächst prüfen, ob es im Umfeld bereits Beispiele erfolgreicher Pflanzungen gibt. Nicht jeder Boden ist für alles gleichermaßen geeignet. Tiefwurzelnde Pflanzen werden weniger Sinn auf Böden mit felsigem Untergrund machen.

Solche und andere grundsätzliche Faktoren können durch den besten Schnitt nicht verändert werden. Ich habe festgestellt, dass Menschen, die in ihrem eigenen Garten Hand anlegen, durch die körperliche Bewegung an frischer Luft und die Beschäftigung mit ausgleichendem Grün regelrecht „herunterfahren“. Wenn auch Sie gerne Pflege im eigenen Garten betreiben, werden Sie dies mit Sicherheit bestätigen können. Lernen Sie Ihre Pflanzen kennen. Studieren Sie Ursache und Wirkung, und schauen Sie sich die Grundsätze von den Tieren ab: Auch die Vögel in den Zweigen unserer Gehölze tun das richtige zur richtigen Zeit auf richtige Art.

Ralf Hermann Melber, Baumpfleger

Ralf Hermann Melber
Geboren und wohnhaft im Nördlinger Ries in Bayrisch-Schwaben, ist seit den 1990er-Jahren Baumpfleger. Ursprünglich spezialisierte sich der Naturverbundene nebenberuflich auf den Schnitt von Obstgehölzen, dehnte sein Angebot jedoch nach und nach aus, weil in den Kundengärten naturgemäß allerlei Gehölze wachsen oder noch zu pflanzen sind. Als Autor, Referent, Waldbesitzer und Mitglied im deutschen Pomologen-Verein versucht er, verlorengehendes Wissen weiterzugeben, betrachtet sich dabei jedoch als stets Lernender.

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