RE- UND UPCYCLING

INDIVIDUELLE GÄRTEN AUS ZWEITER HAND

TEXT: KATJA RICHTER | FOTO (Header): © luchi13 – stock.adobe.com

Auszug aus:

GARTENDESIGN INSPIRATION
Das Magazin für Gartengestaltung und Gartengenuss
Ausgabe 5|2019
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Wer bei „Wiederverwertung im Garten- und Landschaftsbau“ nur an kompostierte Grünabfällen denkt, liegt falsch. Auch das kreative „Upcycling“, das gestalterische Aufwerten von gebrauchten Baustoffen, sorgt in der Gartengestaltung für Überraschungen. Wer zum Beispiel auf einer Mauer aus alten Fundamentsteinen eines längst verschwundenen Gebäudes sitzt, fühlt ein Stück Geschichte.

Es bedarf keiner übersinnlichen Fähigkeiten, um den Reiz historischer Gegenstände zu spüren. Ein altes Sandsteingewand, bgetretene Gehwegplatten aus Granit, abgenutzte Eichenbalken als Beeteinfassung: Es sind Erinnerungen an vergangene Zeiten, die uns im Fluss der Vergänglichkeit verankern. Dazu kommt die Gewissheit, ein ganz individuelles Bauwerk zu beherbergen, das so in keinem anderen Garten zu finden ist. Bei einer Neuanlage, die ihre Zeit braucht, um ein eingewachsenes Bild darzustellen, ergeben gebrauchtes Baumaterial und historische Einzelstücke sofort den Eindruck von gelebter Gartengeschichte.

Eine gut erhaltene Antiquität ist vielen Kunden ihren Preis wert. Auch für den Gartensektor gibt es mittlerweile ein breites Angebot an antiquarischen Objekten, das seine Abnehmer findet. Besonders der im Gartenbau vielfach verwendete Naturstein eignet sich ideal für den Wiedereinsatz. Je nach Gesteinsart fast unverwüstlich, sieht er erst nach langem Gebrauch so richtig gut aus. Die Patina schließt die Oberflächen und gibt dem Stein so ein unverwechselbares Gesicht. Gebrauchsspuren sind erwünscht und machen das Material besonders individuell.

HISTORISCHE BAUSTOFFE FINDEN

Früher war es für die Landschaftsbaubetriebe und ihre Kunden Glückssache, an alte Schmuckstücke zu gelangen. Wenn zufällig auf der Deponie ein Abbruchunternehmer nebenan seine Ladung abkippte und etwas Schönes dabei war, konnte man das gegen ein kleines Taschengeld direkt vom Lkw abkaufen. Solche Deals sind heute selten, denn der Handel mit alten Baustoffen ist viel zu lukrativ geworden.

Inzwischen gibt es eine Vielzahl von Händlern, die sich auf das Geschäft mit den historischen Baustoffen spezialisiert haben. 1992 schlossen sich die ersten von ihnen im Unternehmerverband Historische Baustoffe zusammen. Die Mitglieder sind deutschlandweit verteilt, was kurze Wege zum Käufer  ermöglicht.

Über eine detaillierte Suchanfrage auf der Website können sich Interessenten über geeignete Baustoffe informieren. Der Großteil der angebotenen Exponate wie alte Türen, Kachelöfen oder Bleiverglasungen, sind nur für den Innenbereich geeignet. Für den Außenbereich werden hauptsächlich frostsichere Natursteine und gebrauchtes Pflaster angeboten. Durch ausgiebiges Stöbern im Internet sind aber auch immer wieder ganz besondere Einzelstücke zu finden, etwa ein verziertes Eisengitter, ein abgewetzter Sandsteintrog oder sogar die alten Dachfenster des Bremer Rathauses. Allgemein liegt der Netto-Preis für gebrauchtes Natursteinmaterial pro Tonne bei einem Viertel bis einem Fünftel über dem Neupreis.

2006 förderte die Deutsche Bundesstiftung Umwelt (DBU) den Aufbau des Netzwerkes „Bauteilnetz Deutschland e. V.“. Diese bundesweite Projektkooperation mit Sitz in Bremen hat sich den nachhaltigen Umgang mit Baustoffen auf die Fahnen geschrieben. Neben dem Bewahren alter Schätze geht es den Mitgliedern ausdrücklich darum Abfall zu vermeiden, Energie einzusparen und den CO2-Ausstoß zu mindern. Wichtig ist dabei auch, ob ein Werkstoff problemlos rückgebaut werden kann. Schwierig wird die Wiederverwendung von Baustoffen nämlich, wenn am Bau geklebt, geschäumt und vergossen wurde. Im Bauteilnetz finden sich deutschlandweite Anbieter von historischen Materialien, spezialisierte Planer und Handwerker sowie eine Reihe von Bauteilbörsen.

KREATIVE HILFE VOM FACHMANN

Wer für sein neues Haus eine moderne Formensprache mit viel Beton und Glas wählt, dem scheint eine alte Sandsteinmauer im ersten Moment vielleicht unpassend. Aber auch eine architektonische Gartengestaltung kann mit ungewöhnlichen Altbauteilen veredelt werden. So setzt ein klassizistisches Säulenkapitell in einem streng formalen Garten den nötigen Akzent. Der gegensätzliche Stil erzeugt eine besondere Spannung.

Wer die gebrauchten Baustücke für seine Gartengestaltung nutzen will, braucht selber kreatives Gespür oder einen geeigneten Partner. Das kann eine Landschaftsarchitektin oder ein Gartenplaner mit Sinn für originelle Zusammenhänge sein. Auch bei den Landschaftsgärtnern finden sich Betriebe, die Spaß am Entwickeln und Umsetzen von ungewöhnlichen Lösungen haben. Den Unterschied sieht man bereits beim Webauftritt: Firmen und Büros mit Sinn für nachhaltiges Bauen stellen dies auch klar in ihrem Portfolio dar. Für sie bedeutet „Einsatz von historischen Bauteilen“ mehr als das Aufstellen des üblichen Sandsteintrogs als Pflanzkübel. Bei Landschaftsbau firmen wie „Baumrausch“ aus Bremen findet man schon bei den Referenzprojekten  aufwendige Pflaster- und Mauerarbeiten aus Einzelsteinen, ist eine alte Tür als dekorativer Sichtschutz zu sehen oder ein halber Mühlsteine als  Brunnenkopf. Upcycling vom Feinsten also.

Mittlerweile gibt es auch im Betonsteinsegment auf alt getrimmte Produkte. Aber die rustikale Optik, die beispielsweise durch Trommeln der neuen Betonsteine einsteht, schlägt sich auch hier im Materialpreis nieder. Da ist die Idee, gleich ein gebrauchtes Kopfsteinpflaster zu verwenden, gar nicht mehr so abwegig. Im Internet findet man auf den üblichen Suchportalen immer wieder Posten mit gebrauchtem Material. Auch gibt es spezialisierte Seiten wie gebrauchtpflaster24.com und natursteinhandel.com. Allerdings können die Frachtkosten für den Transport einer Tonne Steine vom einen zum anderen Ende der Republik den Preis schnell in die Höhe treiben. Mehr Erfolg verspricht daher eine Suche auf dem örtlichen Bauhof oder im lokalen Kleinanzeigenmarkt. Weil die alten Pflastersteine keiner DIN-Norm entsprechen und alle unterschiedlich ausfallen ist es wichtig, die Ware vor dem Kauf zu begutachten. Dabei zeigt sich der Anteil an unbrauchbaren Steinen oder Verunreinigungen. Bezahlt wird nach Tonne, und der Schmutz- und  Fremdanteil sollte deshalb nicht über 10 Prozent liegen. Am besten zu beurteilen sind auf Paletten gelagerte, am besten vorgereinigte Steine. Was sich in den Tiefen eines Bigpacks verbirgt, ist schwerer festzustellen.

UMWELTFREUNDLICH BAUEN

Durch die unterschiedlichen Maße von Pflastersteinen und Mauerziegeln aus zweiter Hand gestaltet sich die Verlegearbeit naturgemäß aufwendiger. Nicht nur die Arbeitskosten steigen hierdurch, auch das handwerkliche Können muss gegeben sein. Das einzigartige Gesamtbild einer sauber gelegten Pflasterfläche, die wie ein großer Teppich den Garten bereichert, oder eines schlüssigen Mauerwerks als Hingucker machen den Mehraufwand aber allemal
wett.

Der Einsatz gebrauchter Baustoffe im Landschaftsbau endet jedoch nicht beim liebevollen Sammeln alter Schönheiten. Seit Mitte der 1980er-Jahre arbeiten Entsorgungsfachbetriebe Abbruchmaterial systematisch wieder auf. Aus diesem Bauschutt entsteht das „Recycling-Tragschichtmaterial“, das als Trennschicht zwischen Erdreich und sichtbarer Belagsfläche unter jede Wegedecke eingebaut werden muss, um dauerhaft ein Heben und Senken der Fläche und damit Risse im Belag zu verhindern.

Über diesen Kreislauf kann schon mal das abgerissene Vorgängerhaus wieder auf das Grundstück gelangen: Die Abbruchfirma fährt den groben Schutt zur örtlichen Schuttaufbereitungsanlage. Metallteile werden aussortiert, ebenso organisches Material wie alte Türen, Fensterrahmen oder andere Holzteile. Riesige Mahlwerke zerkleinern die Bruchstücke aus Beton, Mauersteine, Fliesen, Mörtel und Putz. Nach Korngrößen sortiert, bringt der Landschaftsbauer das preiswerte Schüttgut unter allen befestigten Flächen rund um das Haus wieder ein. Die Tragschicht wird mit Rüttelplatten bis zur Standfestigkeit verdichtet und verschwindet dann anschließend unter dem fertigen Pflasterbelag. Wer  umweltfreundlich bauen will, sollte bei der ausführenden Landschaftsbaufirma explizit darauf hinweisen, dass eine Recycling-Tragschicht benutzt werden soll.

ALTGLASVERWERTUNG

Die Marienfelder Firma Reiling vertreibt noch ein anderes ungewöhnliches Produkt für den Außenbereich: Glasnuggets und Glasgranulat in wunderbar reinen Farben. Das Altglas wird sortenrein gesammelt und zu gebrochenem Granulat oder runden Nuggets in unterschiedlichen Größen weiterverarbeitet. Das Endprodukt „Revito“ steht in acht verschiedenen Farben zwischen Braun und Blau zur Auswahl. Mischt man zum Beispiel das gletscherfarbene „Sasso  aqua“ als drei Zentimeter große Nuggets mit gleichgroßem Rollkies der Körnung 16-32 in der Traufkante, ist für kleines Geld ist ein starker Hingucker entstanden. Als Mulchschicht hilft der Glasteppich zugleich, Unkraut zu unterdrücken. Bei Sonnenschein reflektieren die blauen Glassteine effektvoll das Licht. Ein himmelblaues Stück Altglas, ein handgehauener Sandsteinsturz als Sitzbank, ein paar rund getretene Marmorstufen: Auch im Garten- und Landschaftsbau gibt es eine Fülle von spannenden Gelegenheiten, gebrauchte Baumaterialien neu in Szene zu setzen.

Bezugsquellen:

Historische Baustoffe:
www.historische-baustoffe.de
www.gebrauchtpflaster-bremen.de
www.bauteilnetz.de
www.natursteinhandel.com
www.gebrauchtpflaster24.com
www.baumrausch.de

Recyclingglas:
www.reiling.de/glas-recycling-revitro

 

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