MEHR VOGELGEZWITSCHER IM GARTEN

NISTHILFEN UND NATURNAHE NISCHEN ALS CHANCE FÜR GARTENVÖGEL

TEXT: ANDREAS SCHOLZ | FOTO (Header): Torsten Haag

Auszug aus:

GARTENDESIGN INSPIRATION
Das Magazin für Gartengestaltung und Gartengenuss
Ausgabe 3|2019
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Auf zubetonierten Gartenplätzen mit spärlicher Begrünung und akkurat geschnittenem Rasen finden heimische Singvogelarten wie Rotkehlchen, Gartenrotschwanz oder Star kaum noch geeignete Lebensräume. Um den stetigen Vogelschwund zu stoppen, richten sich Vogelschützer vermehrt an Gartenbesitzer: Schon eine „wilde“ Ecke kann den gefiederten Freunden weiterhelfen.

Professor Dr. Peter Berthold engagiert sich seit über 60 Jahren im Naturschutz. Den Wissenschaftler, der viele Jahre die Vogelwarte Radolfzell – heute das Max-Planck-Institut für Ornithologie – geleitet hat, lässt das Schicksal der heimischen Vogelwelt nicht los. „Die Vogelwelt ist allgemein im Sinkflug. Seit Beginn des 19.  Jahrhunderts haben wir in Deutschland zirka 80 Prozent der Vogelindividuen verloren“, bedauert der Ornithologe. Dass inzwischen auch Vogelarten wie Braunkehlchen oder Rebhuhn vom Aussterben bedroht sind, ist für den Vogelexperten eine alarmierende Entwicklung. „Der Klimawandel sorgt zwar dafür, dass ein paar Vogelarten wie Silberreiher oder Bienenfresser dazukommen, aber das täuscht nicht über den Habitatsverlust und Nahrungsmangel für viele Vogelarten hinweg“, erklärt der Vogelschützer.

ZU WENIG LEBENSRAUM

Den Artenschwund in der heimischen Vogelwelt führt Peter Berthold auf mehrere Faktoren zurück. Neben einem Rückgang an Naturflächen und dem eklatanten Nahrungsmangel in einer intensiven Landwirtschaft sind seiner Meinung nach auch der massive Insektenschwund und der Freizeitsport für die Vogelwelt problematisch.  Vögel finden auf den Äckern und Feldern aufgrund des starken Einsatzes von Herbiziden kaum noch Sämereien und Wildkräuter“, moniert der Vogelkundler. Auf seinem Grundstück in Billafingen, einem Ortsteil von Owingen in der Nähe des Bodensees, hat er viel Zeit für eine naturnahe und vogelfreundliche Gartengestaltung investiert. „Es gibt in meinem naturnahen Garten stets einen Waldanteil durch Bäume, eine Buschzone sowie einen Staudenbereich“.

MEHR GRÜN IM GARTEN

In seinen Augen kann jeder Gartenbesitzer etwas für heimische Gartenvögel wie Amsel, Grünfink, Hausrotschwanz, Kohlmeise, Singdrossel, Star oder Zaunkönig tun. „Als Erstes müssen wir von den psychopathischen Schottergärten und großen Kahlflächen wegkommen. Vögel brauchen Bäume als Schlafplatz, Brutort und Nahrungsnische“, empfiehlt der Vogelexperte. „Durch vogelfreundliche Hausgärten könnten wir die Anzahl an naturnahen Flächen in Deutschland verdoppeln“, ergänzt er. Wer über eine  große Gartenfläche verfügt, sollte seiner Meinung nach unbedingt Obstbäume oder auch gerne eine Linde oder eine Eiche anpflanzen. „Gartenbesitzer mit einem Faible für Nadelbäume sollten Fichten oder Douglasien den Vorzug geben. Fichten und Douglasien sind bei Vögeln als Schlafplätze beliebt“.

Bäume im Garten bieten aber auch meistens die beste Möglichkeit, um Nistkästen anzubringen und somit farbenfrohe Gartenvögel wie Blaumeise oder Gartenrotschwanz anzuziehen. Peter Berthold empfiehlt ein großzügiges Aufhängen. „Auf 500 Quadratmetern können locker zwischen zehn und zwanzig Nistkästen aufgehängt werden.“ Ansonsten rät er Gartenbesitzern dazu, heimischen Pflanzen, Stauden und Beerensträuchern den Vorzug zu geben. „Bitte keinen schauerlichen Kirschlorbeer. Besser für Vögel sind Vogelbeere und Berberitze.“

Durch seine Jahrzehnte lange Vogelbeobachtung weiß der Wissenschaftler, dass Kriech- und Kletterpflanzen wie Kriechrose, Wilder Wein oder Efeu von Vögeln ebenfalls hervorragend angenommen werden. „In einen vogelfreundlichen Garten passen außerdem Königskerze, Disteln, Schwarzer Holunder und Wacholder“, so sein finaler Tipp.

NACHTIGALL, ICH HÖRE DICH …

Dem betörenden Gesang von Nachtigall und Co. wieder häufiger in Gärten lauschen zu können, ist auch das Ziel von Rudi Apel. Der Vorsitzende der  Naturschutzbundgruppe wohnt in Görwihl, einer Schwarzwaldgemeinde im Landkreis Waldshut. Er ist seit zehn Jahren in Baden-Württemberg unterwegs, um schwalbenfreundliche Häuser mit einer besonderen Plakette auszuzeichnen. Theoretisch könnte sich der Vogelfreund selber eine Plakette überreichen: Mit seiner Familie bewohnt er einen renovierten Schwarzwaldhof, der dank seiner naturnahen Gestaltung rund 30 Vogelarten – zum Beispiel Kleiber, Buntspecht, Blaumeise und Elster – anlockt.

„Wir haben eine 30 Meter lange und fünf Meter breite Hecke mit heimischen Sträuchern gepflanzt. Zusätzlich haben wir noch 20 Obstbäume gesetzt.“ Dass das Gartengrundstück der Apels ein kleines Vogelparadies ist, führt Rudi Apel auch auf den Verzicht von Gift bei der Gartenarbeit zurück. Obwohl Rudi Apel in seinem naturnahen Garten das Verhalten von Gartenvögeln ausgiebig studieren kann, fällt ihm bei Überlandfahrten der allgemeine Vogelrückgang auf. „Es gibt immer mehr Steingärten, die für die meisten Vogelarten uninteressant sind. Auch Glasbauten, Katzen oder der Vogelfang in Südeuropa sorgen dafür, dass die Bestandspopulationen heimischer Singvogelarten zurückgehen“, erklärt der Vogelexperte. Die größten Gefahren für die Vogelwelt liegen seiner Meinung nach aber in der intensiven Landwirtschaft und einer versiegelten Landschaft.

NATURNAHES PARADIES

Umso wichtiger scheint es Rudi Apel, dass bei Gartenbesitzern wieder verstärkt das naturnahe Gärtnern in den Fokus rückt. „Vögel freuen sich, wenn wir im Garten viele Hecken mit heimischen Sträuchern wie Hasel, Wildrose, Mispel, Holunder oder Schlehe anlegen. Neben Obstbäumen sollte auch eine kleine Blumenwiese nicht fehlen“, bekräftigt der Vogelschützer. Gute Erfahrungen hat Rudi Apel ebenso mit Kornblume, Ringelblume, Akelei, Kamille und Frauenmantel gemacht.

„Auch Gänseblümchen, Klee und Wiesen-Schaumkraut zeichnen einen naturnahen und vogelfreundlichen Garten aus“, meint er. Obwohl der Vogelschützer im ländlichen Schwarzwald zu Hause ist, entdeckt er auch in Großstädten viel Potenzial zur Bestandsstabilisierung heimischer Vogelarten. „Wenn genügend Nisthilfen angebracht werden, dann können Mehlschwalbe und Mauersegler auch in Großstädten leben“, weiß Rudi Apel.

Vor allem der Anblick des Mauerseglers, der mit Spitzengeschwindigkeiten von 200 Kilometern in der Stunde zwischen den Straßenschluchten akrobatisch durch die Luft schießt, fasziniert den Naturschützer immer wieder. Hausbesitzern, die eventuell Bedenken anmelden, dass Schwalben und Segler vielleicht zu viel Dreck machen könnten, entgegnet der Schwalbenexperte: „Die Vögel sorgen für einen kostenlosen Pflanzenschutz und obendrein beruhigt und entspannt der Gesang.“

SCHUTZ ALS GESCHÄFT

Heimische Gartenvögel halten in der Tat im Garten die Pflanzenschädlinge im Zaum. So versorgen beispielsweise Blaumeise oder Hausrotschwanz während der Brutsaison ihren Nachwuchs täglich mit Hunderten von Raupen. Dass Vögel unzählige Gartenschädlinge vertilgen, macht sich eine schwäbische Firma bereits seit Jahrzehnten zunutze: Die Schwegler Vogel- und Naturschutzprodukte GmbH mit Sitz in Schorndorf ist sozusagen der internationale Marktführer für Vogelnisthilfen. Vom „Vogelvirus“ befallen ist die komplette Belegschaft: Vogelschutz quasi als Geschäftsmodell. Auch Silke Reinig, die als Assistentin der Geschäftsleitung bei Schwegler arbeitet, interessiert sich stark für die heimische Vogelwelt und naturnahes Gärtnern. „Die Firma Schwegler produziert als Familienbetrieb seit zirka 1952 Vogelnisthöhlen. Da mein Großvater zu den Firmengründern gehört hat, befasse ich mich bereits mein Leben lang mit dem Thema“, erklärt die Vogelund Gartenfreundin. Ganz besonders freut sich Silke Reinig jedes Jahr, wie viele der Mauersegler-Nistkästen auf dem Betriebsgelände besetzt werden.

Stolz ist die Vogelkennerin aber auch auf ihre knapp drei Dutzend Jungsperlinge, die jedes Jahr in ihrem eigenen Naturgarten heranwachsen. „Ich beobachte das wunderschöne Treiben der Sperlinge beim Sandbaden, beim Baden am Quellstein oder beim Herumturnen an den Futterstellen und Nisthöhlen“. Silke Reinig sorgt dafür, dass ihr Garten bis in den Herbst hinein eine „lebendige Oase“ bleibt. „Der Gartentisch sollte von Frühjahr bis Herbst für Insekten gedeckt sein und deshalb ist  beispielsweise neben dem Sommerflieder später im Jahr auch die Herbstaster wichtig.“

INSEKTEN SIND VOGELFUTTER

Gartenbesitzern empfiehlt Silke Reinig den Gang zum Gartencenter, um sich mit Wildblumenmischungen einzudecken. Der Hintergrund: Ohne Klee fehlt Insekten eine Futterquelle, und ohne Insekten im Garten bricht heimischen Gartenvögeln ebenfalls eine wichtige Nahrungsgrundlage weg. Ratsam sei auch eine wilde Ecke im Garten, in der Platz für die Brennnessel ist. „An einer Ecke mit Altholz, das verwittern kann, können auch gut Insektenhotels aufgehängt werden“, ergänzt die Gartenliebhaberin.

Für Silke Reinig lässt sich mit einfachen Mitteln ein vogelfreundlicher Garten anlegen. „Mein Vorschlag ist eine Kombination aus klaren Linien in Form geschnittener Büsche und Pflanzen mit der Kombination ausgesäter Wildkräuter, Wildbumen und Pflanzen sowie Nisthilfen und Futterstellen für Vögel“, erklärt sie. „Wasserstellen in Metalltrögen oder Steintrögen, die zum Beispiel mit Miniseerosen hübsch bepflanzt sind, bieten für Insekten, Vögel und eventuell sogar Fledermäuse ebenfalls gute Lebensräume“, fügt sie hinzu. Für Gartenbesitzer, die über einen Vogelnistkasten für Höhlenbrüter wie Blaumeise oder Halbhöhlenbrüter wie Hausrotschwanz auf dem eigenen Grundstück nachdenken, hält Silke Reinig einige Spezialtipps bereit. „Das Flugloch sollte möglichst auf die wetterabgewandte Seite, also meist Südost, zeigen“.

Da Nisthöhlen ganzjährige Quartiere sind und auch zum Übernachten genutzt werden, sollten die Nistkästen das ganze Jahr über aufgehängt bleiben. „Im Herbst kann das Nest aus der Höhle entnommen werden, so bietet die Nisthöhle über die kalten Wintermonate ausreichend Schutz und eventuelle Parasiten oder Milben werden mit dem Nest entfernt“. Chemische Mittel zur Reinigung seien nicht notwendig. „Es reicht aus, das Nest zu entfernen“, rät Silke Reinig. „Außerdem sind Nisthilfen aus Kunststoff oder Metall nicht sinnvoll, da sie nicht atmungsaktiv sind und sich schädliches Schwitzwasser im Inneren bilden kann“, ergänzt die Vogelfreundin.

 

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