STOFFE AUS DER NATUR

PFLANZENFASERN – TEIL 1: BAUMWOLLE

TEXT: DR. SUSANNE NIEMUTH-ENGELMANN | FOTO (HEADER):  ©Yeko Photo Studio – stock.adobe.com

Auszug aus:

GARTENDESIGN INSPIRATION
Das Magazin für Gartengestaltung und Gartengenuss
Ausgabe 1|2019
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Baumwolle gehört zu den ältesten bekannten Planzenfasern und steht für Nachhaltigkeit und Natürlichkeit. Ihr ursprüngliches Verbreitungsgebiet sind tropische und subtropische Regionen. In Indien oder Ägypten wurde sie schon vor Jahrtausenden zur Herstellung von Bekleidung eingesetzt. Die heutigen Anbau- und Produktionsbedingungen sind oft jedoch alles andere als ökologisch verträglich. Ein Blick hinter die Kulissen des Baumwollanbaus und der Verarbeitung.

Betrachtet man das moderne Angebot an Bekleidungsstofen, so stellt man fest, dass Baumwolle trotz der rasanten Zunahme synthetischer Fasern im 20. und 21. Jahrhundert eine zentrale  Rolle in der Textilproduktion spielt. Sie indet sich fast überall: als reine Baumwolle zum Beispiel in T-Shirts, Sweatern, Unterwäsche oder Socken; als Bestandteil von Fasergemischen in Hosen, Blusen, Röcken, Sportbekleidung und vielem mehr. Auch Wohntextilien wie Handtücher, Plaids, Tischdecken oder Kissenbezüge sind häuig aus Baumwolle oder haben Baumwollanteile. Wie kommt es, dass Baumwolle heute so „lächendeckend“ präsent ist? Um diese Frage zu beantworten, muss zunächst ein Blick auf Ursprung und Verbreitung der Planze geworfen werden.

DIE BAUMWOLLPFLANZE

Gewonnen wird Baumwolle aus den Samenhaaren der Frucht der Baumwollplanze (Gossypium). Diese gehört zur Familie der Malvengewächse (Malvaceae). Ihre Ursprungsgebiete sind Südamerika, Südafrika, Indien und China. Anders als der Name nahelegt, ist die Baumwollplanze kein Baum, sondern ein Strauch, der zwei bis drei Meter hoch werden kann. Seine grünen Blätter erinnern von ihrer Form her an Weinblätter. Ursprünglich handelt es sich bei Baumwolle um eine mehrjährige Planze. Es wurden inzwischen jedoch auch einjährige Sorten gezüchtet, die höhere Erträge bringen. Für den Welthandel von Bedeutung sind nur drei Sorten: Gossypium barbadense, Gossipyum hirsutum und Gossipyum herbaceum. Sie unterscheiden sich hinsichtlich ihrer Faserlänge, die als „Stapel“ bezeichnet wird. Besonders langstapelig (bis zu 34 Millimeter) ist Gossipyum barbadense, aus der sehr feine und hochwertige Textilien, zum Beispiel besonders weiche Babytextilien, hergestellt werden.

Die Baumwollplanze wird in Monokultur angebaut und ist stark anfällig für Schädlinge wie die Gemeine Spinnmilbe (Tetranychus urticae), verschiedene Läuseund Raupenarten oder den Afrikanischen Baumwollwurm (Spodoptera littoralis). So muss schon im frühen Wachstumsstadium mit der Unkrautentfernung begonnen werden.

Sind die roten, gelben oder weißen Blüten der Baumwollplanze verblüht, bilden sich walnussgroße Früchte, die acht Wochen nach der Blüte des Strauchs aufplatzen. Aus der Frucht quellen  nun als rundliche Büschel die weißen Samenhaare hervor – die Baumwollfaser in ihrer ursprünglichen Qualität. Jeder der (übrigens giftigen) Samen hat 2.000 bis 7.000 Samenhaare.

Zwar haben Wattebälle gegenüber vorgeformten Pads mittlerweile stark an Beliebtheit verloren, doch gibt es sie noch immer. Wer allerdings glaubt, weil „echte“ Wattebäusche unverarbeitet sind, handele es sich bei ihnen um ein ökologisch untadeliges Produkt, kennt nur die halbe Wahrheit. Der Anbau der Baumwollplanze, wie er heute weltweit betrieben wird, ist häuig mit übermäßiger Bodenbeanspruchung und/ oder enormem Wasserverbrauch verbunden.

 

ANBAU UND ERNTE

In den Ursprungsländern der Baumwolle herrscht ein sonnig-warmes und feuchtes Klima. Um gut zu gedeihen, braucht die Planze hohe Temperaturen ab mindestens 15 °C, eine ausreichende Wasserversorgung und einen schweren Boden, der die Feuchtigkeit halten kann. Baumwolle wird heute nicht nur in ihren Ursprungsländern angebaut, was zu weitreichenden ökologischen Problemen führt. Je nach den vorgefundenen klimatischen Bedingungen variiert die Saatgutmenge pro Hektar ebenso wie die benötigte Wassermenge. Ein anschauliches Beispiel: Im Sudan werden für ein Kilo Saatgut 29.000 (!) Liter Wasser verbraucht, für die gleiche Menge braucht man in Israel 7.000 Liter. Im Durchschnitt werden für die Produktion von einem Kilo Baumwollstof rund 11.000 Liter Wasser verbraucht.1 Es liegt also auf der Hand, dass weitaus nicht alle Länder, in denen Baumwolle angebaut wird, auch die geeigneten klimatischen Bedingungen und Böden dafür aufweisen. Häuig nimmt man einen hohen Ressourcenverbrauch in Kauf, um Baumwolle dort zu produzieren, wo die Voraussetzungen nicht ideal sind, und um die Erträge zu steigern.

 

COTTON FIELD BLUES

Eines der instersten Kapitel der US-amerikanischen Geschichte, die Sklaverei, ist untrennbar mit dem Baumwollanbau verbunden. Nachdem Engländer im 17. Jahrhundert Baumwollsamen aus Indien in Nordamerika eingeführt hatten, wurde die Planze schnell zu einem der wichtigsten Anbauprodukte. Unter barbarischen Lebensbedingungen mussten afrikanische Sklaven in schwerer Handarbeit die Faserbüschel ernten und sie von Kapselresten und klebrigen Samenkörnern trennen.

Als 1764 der mechanische Webstuhl erfunden wurde, war die Baumwollfaser reif für die Eroberung des Weltmarktes. Auch die Entwicklung der Entkörnungsmaschine „Cotton Gin“ trug dazu bei, denn nun konnten die Sklaven ausschließlich für die Ernte ausgebeutet werden, während der zweite Arbeitsschritt, das Säubern  der Fasern, maschinell erledigt wurde. Das führte zur Ausdehnung der Anbaulächen und zum Siegeszug der Baumwolle, die zwischen 1750 und 1850 den Weltmarkt beherrschte. 1920 wurde schließlich auch die Ernte mechanisiert. Die Erntemaschinen machten aus der Baumwolle endgültig Massenware.

 

PRODUKTIONSBEDINGUNGEN DER GEGENWART

Zwar gibt es nach wie vor Herkunftsländer, in denen Baumwolle mit der Hand geplückt wird, doch in den meisten Anbaugebieten sind Ernte und Verarbeitung heute genau wie in den USA vollständig mechanisiert. Mit Plückmaschinen werden riesige Mengen der Faser geerntet. Anschließend lässt man diese durch Lagerung und Trocknung nachreifen und formt sie danach mit Pressen zu kompakten Ballen. Erst danach erfolgt die Reinigung von Kapselresten mit den Stahlkämmen der Entkörnungsmaschinen. Die „gekämmte“ Baumwolle wird erneut gepresst und zur  Weiterverarbeitung in industrielle Spinnereien gebracht. Hier kommt es dann zum Einsatz der Kardierungsmaschine, die für die Verarbeitung von Planzenfasern eine wichtige Rolle spielt: Mit ihrer Hilfe lassen sich Fasern ordnen und zu sogenannten „Kardierbändern“ zusammenfassen.

Der letzte Schritt ist dann die Verarbeitung zum Endprodukt Baumwollgarn, das „Zwirnen“, mit der Spinnmaschine. Das Garn kann nun gegebenenfalls gefärbt werden und wird mit Webmaschinen zu Stoffen verarbeitet. Mit Verfahren wie dem Mercerisieren, einer speziellen chemischen Behandlung, kann das Gewebe anschließend noch weiter veredelt werden. Mercerisierte Baumwolle besitzt einen edlen Glanz und lässt sich leichter färben als ihre unbehandelte Variante.

 

NACHHALTIGKEIT UND FAIR TRADE

Dass sich Baumwolle als Naturprodukt neben synthetischen Stofen am Markt behaupten konnte – auch wenn sie Anfang der 1970er-Jahre durch Polyester stark verdrängt wurde –, liegt vor allem an hervorragenden Produkteigenschaften wie beispielsweise ihrer großen Widerstandskraft sowohl gegen mechanische als auch chemische Einlüsse. So ist sie äußerst reißfest und nässebeständig, hält problemlos hohe Temperaturen bis 160 °C aus, ohne ihre Farbe zu verändern, und lässt sich leicht reinigen. Negativ zu Buche schlagen könnte aus Sicht des Trägers lediglich, dass Baumwolle stark knittert und alles andere als bügelfrei ist. Der stark angestiegene Verbraucherwunsch nach natürlichen Materialien trug kurz nach dem Siegeszug des Polyesters dazu bei, dass Baumwolle sich zwischenzeitlich 50 Prozent des Marktanteils zurückerobern konnte. Für Allergiker ist reine Baumwolle oft das einzig verträgliche Material. Mittlerweile ist der Marktanteil dennoch wieder auf 31 Prozent zurückgegangen. Grund dafür ist die immer stärkere weltweite Nachfrage nach Stofen.2

 

NATURPRODUKT

Wie eingangs schon erwähnt, bedeutet diese Naturbelassenheit längst nicht immer, dass man mit einem Kleidungsstück aus Baumwolle ein ökologisch unbedenkliches Produkt kauft, geschweige denn eines, das unter sozial gerechten und ungefährlichen Bedingungen angebaut und geerntet wird. So führt zum Beispiel der starke Einsatz von Pestiziden bei vielen Bauern langfristig zu Erkrankungen.

Hier gilt es, ein wenig genauer hinzusehen und sich darüber zu informieren, ob auch die Anbau- und Produktionsbedingungen ressourcenschonend und fair sind. Das Siegel „Fairtrade Baumwolle“ garantiert sozialverträgliche Arbeitsbedingungen in den Herkunftsländern, in denen vor allem Kleinbauern unterstützt werden. Das Siegel „G.O.T.S.“ (Global Organic Textile Standard) steht für umfangreiche Nachhaltigkeitskriterien, die sich auf Rohstofgewinnung, Verarbeitung, Arbeitsbedingungen und Verpackung beziehen. Auf der Webseite kann man sich ausführlich über die vorhandenen Siegel und deren Bewertung durch Greenpeace informieren.

Hersteller wie Hess Natur oder Naturland haben eigene Siegel entwickelt und sich zur Einhaltung von Standards verplichtet, die weit über die gesetzlichen Vorgaben hinausgehen. Hess Natur ist darüber hinaus durch die Fair Wear Foundation und den Internationalen Verband der Naturtextilwirtschaft zertiiziert und fördert Projekte, bei denen ein Teil der Erträge wieder in die Herkunftsländer zurückließt und für einen besseren Lebensstandard der Bauern sorgt. Die weltweit ersten ökologischen Anbauprojekte des Unternehmens liegen sogar schon mehr als 20 Jahre zurück und wurden unter anderem im Senegal und in Ägypten initiiert. Heute produziert die Firma Bio-Baumwolle in Burkina Faso. Zum kontrolliert biologischen Anbau gehört, dass auf chemische Düngemittel verzichtet und stattdessen mit Mulch oder Mist gedüngt wird.

Längst haben Labels wie Hess Natur oder Grüne Erde3 den alternativen Look der 1980er-Jahre hinter sich gelassen und bieten attraktive Mode an, die auch trendbewussten jungen Käufer*innen gefällt.

INFOS:
1 Quelle: www.virtuelles-wasser.de/baumwolle/
2 Schäfer, Susanne, „Die Stofe der Zukunft“, in: https://www.zeit.de/zeit-wissen/2013/01/Stofe-Zukunft-Baumwolle-Knappheit [4. Dezember 2012], zuletzt geprüft: 26. November 2018, 18:00 Uhr
3 siehe auch Beitrag „Vom Aussteigerprojekt zum ökologischen Vorreiter“ in GARTENDESIGN INSPIRATION, Ausgabe 1|2019, Seite 80–89

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