WINTERHARTE PFLANZEN UND DIE ERSTEN FRÜHLINGSBOTEN IM GARTEN

FARBTUPFER IN KAHLER LANDSCHAFT

TEXT UND FOTO (HEADER): ANDREAS SCHOLZ

Auszug aus:

GARTENDESIGN INSPIRATION
Das Magazin für Gartengestaltung und Gartengenuss
Ausgabe 1|2019
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Die richtige Planzenauswahl macht es möglich: Erste zarte Blüten sorgen bereits im zeitigen Frühjahr für kleine Farbtupfer in der kahlen Winterlandschaft. Die spannenden Beobachtungen von Gartenexperten mit winterharten Planzen sind auch für Gartenbesitzer ein Mutmacher: Immer mehr Planzen, Stauden und Gehölze überstehen die kalte Jahreszeit, was auch Bienen freut.

Sobald die Temperaturen an milden Januartagen in den zweistelligen Plus-Bereich steigen, erwachen Schmetterlinge wie Zitronenfalter, aber auch Honigbienen und einige Wildbienenarten kurzzeitig aus ihrer Winterstarre. Sie suchen dann ihre nähere Umgebung nach ersten „Energiequellen“ ab. Viele Insekten profitieren davon, dass vor dem Hintergrund des Klimawandels das „frische“ Pflanzen- und Blütenangebot im Winter inzwischen vielfältiger ausfällt. Mit winterharten Pflanzen und Frühblühern, die für Bienen interessant sind, kennt sich auch Cornelia Pacalaj aus. Sie ist als Versuchsingenieurin an der Lehrund Versuchsanstalt für Gartenbau (LVG) Erfurt im Fachbereich Garten- und Landschaftsbau tätig. „Außer winterblühenden Gehölzen wie diversen Schneebällen blühen im Vorfrühling bei niedrigeren Temperaturen auch schon Winterlinge, Blausterne, Krokusse oder Winteralpenveilchen. Für Wildbienen und Hummeln, die auch bei niedrigen Temperaturen fliegen, wie auch für unsere wärmebedürftigen Bienen sind alle früh blühenden und nicht gefüllten Blüten interessant.“

DER STÄRKSTE GEWINNT

Mit ihren Kollegen berät Cornelia Pacalaj vor allem Gartenbaubetriebe aus Thüringen im professionellen Segment. Im Fachbereich Garten- und Landschaftsbau trudeln immer wieder Versuchsanfragen ein, die sich um Experimente mit winterharten Gehölzen und Stauden drehen. „Nur die Harten kommen in den Garten. Dieses Motto gilt auch bei unseren Versuchsreihen mit winterharten Pflanzen“, sagt Cornelia Pacalaj lachend. Das Versuchsprogramm der LVG Erfurt für 2019 umfasst unter anderem Versuchsreihen, die sich mit den Anpassungsfähigkeiten von Pflanzen an den Klimawandel befassen oder der Biodiversität und dem Bienenschutz dienen. „Auch Versuchsreihen mit Frühblühern stehen wieder an“, bestätigt die Versuchsingenieurin.

 

WETTERZONE BESTIMMT SCHUTZ

Gartenbesitzern, die winterharte Pflanzen in ihren Gärten einsetzen möchten, rät Cornelia Pacalaj: „Die Winterhärte einer Pflanze wird immer mit der Winterhärtezone angegeben, und relevant für Deutschland sind die Zonen sechs bis acht. Gute Staudengärtner und Baumschulen führen Angaben zur Winterhärte ihrer Arten und Sorten in ihren Katalogen auf, sodass sich der Kunde daran orientieren kann, welche Pflanze in seinem Garten überlebensfähig ist.“ Je höher die Winterhärtezone, desto mehr Schutz benötigt eine Pflanze bei kalten Temperaturen, die nahe oder weit unter dem Gerfrierpunkt liegen können. „Wichtig ist aber auch die kleinklimatische Situation, die an einem geschützten Platz ganz anders aussehen kann als ringsum in der Region. Zum Beispiel an der Südwand eines Gebäudes, in einem geschützten Hof oder unter einer Pergola“, weiß Cornelia Pacalaj.

 

GEFÄHRLICHER SPÄTFROST

Bedeutsam in den Augen der Versuchsingenieurin ist auch das Vegetationsstadium, in welchem die Pflanze dem Frost ausgesetzt ist. „Spätfröste im Frühling sind gefährlicher, weil sich die Pflanze schon in den wärmeren Tagen mit offenen Blüten auf den Frühling eingestellt hat. Die Pflanze oder das frische Grün treffen Fröste dann besonders hart“, bestätigt Cornelia Pacalaj. Man tut gut daran, nicht zu ungeduldig einen blühenden Garten mit all den sensiblen Schönheiten aus fernen warmen Ländern zu bepflanzen, wenn sich der Winter noch einmal zurückmelden kann“, warnt sie.

 

KEIN WINTER OHNE ABDECKUNG

Doch nicht nur mediterrane Pflanzen, sondern auch heimische Pflanzen können bei Spätfrösten empfindliche Schäden davontragen, wie Cornelia Pacalaj aus langjähriger Erfahrung weiß. „2017 haben viele Obstbäume durch den Spätfrost in der letzten Aprilwoche gelitten. Die Obstbäume sind zwar nicht abgestorben, aber der gewünschte Ertrag für die Obstbauern blieb aus.“ Gartenbesitzern empfiehlt Cornelia Pacalaj, weniger winterharte Pflanzen in der kalten Jahreszeit abzudecken. „Häufig reicht ein leichter Schutz aus Reisig oder Laub oder auch ein Vlies. Wämebedürftige Pflanzen vertragen keinen starken Frost und müssen somit im Haus überwintern.“

 

WÄSSERN MUSS SEIN

Nicht nur in Erfurt, auch in der Kurpfalz wird mit winterharten Pflanzen experimentiert. Helga Stier und Ute Ruttensperger von der LVG Heidelberg untersuchen ebenso in regelmäßigen Testreihen, welche Pflanzen besonders winterhart sind. „Viele unserer Gehölze und Stauden sind durch die milderen Temperaturen in den letzten Jahren auch ohne zusätzlichen Winterschutz ausgekommen. Zu den besonders frostharten Großgehölzen zählen Gattungen wie Taxus, Acer und Fagus, aber auch Sträucher wie Weigelien, Deutzien oder Cornus“, berichtet Helga Stier. Gute Erfahrungen auch bei niedrigen Temperaturen haben die Gartenexpertinnen bei den Stauden mit Astern, Epimedien,
Taglilien sowie Gräsern wie Miscanthus- Arten gemacht. Helga Stier gibt jedoch eins zu bedenken. „Bei allen wintergrünen oder immergrünen Pflanzen sollte im Herbst und an frostfreien Tagen im Winter gewässert werden, um der Frosttrocknis entgegen zuwirken“, rät sie.

 

BUNTE FRÜHLINGSVORBOTEN

Auch Ute Ruttensperger kennt einige Tipps, damit auch im Frühjahr wieder die ersten Farbtupfer das Gartenherz erfreuen. „Tannen- oder Fichtenreisig eignet sich gut, um in kälteren Regionen auch den Provence-Lavendel oder winterharte Fuchsien zu schützen“, erläutert die Gartenexpertin. „Luftpolsterfolie sollte man nur an den kältesten Tagen oder Wochen anbringen“. Pflanzen, die bei Nässe und Kälte zu faulen beginnen, wie Geranium oder Alchemilla, sollten vor Wintereinbruch etwa zwei Handbreit über dem Boden geschnitten werden. „Das ist sinvoll, damit die Knospen mit Blick auf das kommende Jahr nicht völlig frei gelegt sind“, erklärt sie.

 

BUCHSBAUM-ERSATZ

In einem aktuellen Testprojekt beschäftigt sich Ute Ruttensperger intensiv mit winterharten Pflanzen: Für den Friedhofsgartenbau werden verschiedene Bodendecker und Einfassungspflanzen als Buchsbaum-Alternativen auch auf ihre Überwinterungseigenschaften überprüft. „Die Buchsbaumblättrige Berberitze als potenzielle Buchsbaum-
Alternative zeigte in diesem Jahr nach dem kalten Jahresstart ab Mitte März deutliche Frostschäden“, so Ute Ruttensperger. Auch beliebte Klassiker wie die bodendeckende Heckenmyrthe trug nach strengen Kahlfrösten in früheren Jahren starke Schäden davon“, ergänzt sie. Frostunempfindlicher haben sich in den Testreihen dagegen Ilex-Arten aus dem ostasiatischen Raum erwiesen. „Als Alternative zum Buchsbaum haben sich Zwergstechpalmen mit ihren stacheligen Blatträndern ebenfalls robuster gezeigt“, so die Gartenexpertin. Aus langjähriger Erfahrung weiß Ute Ruttensperger, dass ebenso Rosmarin und Echter Salbei moderate Fröste, vor allem in Kombination mit Schnee, vertragen. „Mehrjährige Rosmarin-Büsche und Salbei-Büsche sind eine Augenweide und sorgen im Frühsommer für ein blaues Farbenmeer. Sie bereichern im Frühsommer  den Pollenvorrat und das Nektarangebot von Garten-Hummel oder beispielsweise Garten-Wollbiene“, betont die Gartenkennerin.

 

KLIMAWANDEL IM BLICK

Mit Blick auf den fortschreitenden Klimawandel registrieren die Gartenexpertinnen der LVG Heidelberg ebenfalls interessante Entwicklungen. „Inzwischen können beispielsweise das Argentinische Eisenkraut und die Faserbanane im Beet überwintern. Auch die südamerikanische Magellan-Fuchsie hält starke Minustemperaturen aus, sie  friert dann zwar zurück, treibt aber im Folgejahr problemlos wieder aus“, so Ute Ruttensperger.

 

FARBIGES BLÜTENMEER

Nicht nur in den Staatlichen Lehr- und Versuchsanstalten für Gartenbau, sondern ebenfalls auf der Insel Mainau stehen winterharte Pflanzen bei den gärtnerischen Aktivitäten im Blickfeld: Schließlich sollen auch in den Wintermonaten die Tagestouristen auf die „Blumeninsel“ gelockt werden. Neben dem Schmetterlingshaus mit tropischen Faltern sollen die Besucher im Idealfall bereits zu Jahresbeginn einige Blüten im Freien entdecken können. „Damit es im Frühjahr ansprechend blüht, werden alljährlich im Herbst viele tausende Blumenzwiebeln in die Erde gebracht und mit klassischen Frühjahrsblühern wie etwa Hornveilchen, Islandmohn oder Vergissmeinnicht zu ansprechenden Arrangements kombiniert“, erläutert Gartendirektor Markus Zeiler.

 

EIN HAUCH VON FRÜHLING

Dank der Winter-Heckenkirsche, die schon bei tieferen Temperaturen einen süßlichen Duft verströmt, sind auch die Honigbienen auf der Mainau rasch aktiv. Die Vorliebe des Parkgründers Großherzog Friedrich von Baden für immergrüne Bäume und Sträucher beeinflusst die Pflanzenauswahl auf der Mainau ebenfalls. Beispiel: die Duftblüte, die im Frühjahr jeden Besucher betört. „Die Duftblüte hüllt mit ihren weißen Blüten die Insel in eine frühlingshafte Duftwolke“, bekräftigt Markus Zeiler. Auch die im Herbst  gepflanzten Blumenzwiebeln wie Krokusse überraschen den Mainau-Besucher im zeitigen Frühjahr. „Schon vorher ziehen aber die Winterblüher wie Zaubernuss oder Schneeball unsere Gäste in ihren Bann. Ein besonderes Highlight ist alljährlich die Blüte der chinesischen Winterblüte, die über einen intensiven Duft verfügt“, so Markus Zeiler.

 

KLIMA FÜR PFLANZENTESTS IDEAL

In den Augen des Gartendirektors war die Mainau schon immer ein Ort, an dem aufgrund der besonderen klimatischen Lage mit empfindlichen Pflanzen experimentiert wurde. So überstehen inzwischen Kamelien die Winter auf der Mainau regelmäßig ohne größeren Schaden.Feigenbäume gehören ebenso seit längerer Zeit zum Sortiment auf der Mainau. „Kam es früher noch zu Totalausfällen oder waren teils aufwendige Winterschutzmaßnahmen erforderlich, so wird beispielsweise bei der Hanfpalme inzwischen meist auf besondere Maßnahmen verzichtet“, bekräftigt Markus Zeiler. Der Gartendirektor schließt daher nicht aus, dass das Gartenteam der Blumeninsel in der Zukunft auch neue „Klimagrenzgehölze“ testen wird.

 

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